KongressBrief: Editorial (Oktober 2021)

Gendermedizin, oder: geschlechtersensible/geschlechterspezifische Medizin wird allmählich thematischer Bestandteil in den Publikumsmedien. Selbst Bild berichtet über Geschlechterunterschiede bei einer Covid-19-Erkrankung. Spätestens damit kommt das Thema bei Otto und Ottilie NormalverbraucherIn an, die vielleicht eine Dokumentation zu Geschlechterunterschieden in der Medizin auf NDR verpasst haben. Gelegentlich ist auch die Apothekenumschau mit einem geschlechtersensiblen Thema dabei und auch hier dürfte das Zielpublikum ein breites sein. Und die BARMER informiert auf ihrer Webseite – etwas provokant: „Gendermedizin: Ungleichbehandlung ist gut für uns alle“.

 

Information tut not, wie ich immer wieder feststelle. Ein ideologiefreier Transfer von Wissen zum Stand der medizinischen Forschung auf diesem Gebiet ist für eine breite Akzeptanz in der Ärzteschaft, bei VertreterInnen der Gesundheitsberufe wie auf Seiten der medizinischen Laien und potentiellen Patientinnen und Patienten unabdingbar. Im Umfeld einer immer hitziger geführten Diskussion zum Thema „Gender“ lässt allein der Begriff den Ton schärfer werden bzw. löst die Sorge aus, dass durch die Benennung geschlechterspezifischer Unterschiede eine neue Spaltung zwischen den Geschlechtern manifest wird. Selbst bei Medizinern und Medizinerinnen, die in ihrer Forschung Geschlechteraspekte durchaus berücksichtigen.

 

Für eine Diskussion und natürlich auch eine Forschung, die um Erkenntnis ringt, bedarf es der Objektivität – soweit diese individuell gelingt. Natürlich schlug und schlägt das Pendel zunächst in Richtung „Frauen-Forschung“ aus, da die weibliche Physiologie in ihrer Komplexität erst sehr spät und zunächst von MedizinerINNen „entdeckt“ wurde. Mit anderen Worten, rund 50 Prozent der Menschheit rücken gleichauf in den Fokus des medizinischen Interesses. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen und benachteiligt keineswegs die andere Hälfte, bei denen die Erkenntnislage insgesamt schon sehr viel besser ist. Aber auch bei der männlichen Hälfte der Menschheit gilt es, vermeintliche Gewissheiten noch mal auf den Prüfstand zu stellen. Idealiter wäre eine, sozusagen moralfreie Haltung, wenn im Zuge von Forschung und Studien nach dem Geschlecht gefragt wird.

 

Gibt es Unterschiede, die durch das Geschlecht bedingt sind oder eben nicht? Was heißt das, sollte ein Unterschied festgestellt werden, für das Auftreten der Erkrankung, Diagnose und Therapie? Wo muss ggf. nachjustiert werden, um Prävention und Versorgung für (künftige) Patienten und Patientinnen zu verbessern?

 

Eine Debatte, bei der implizit immer die moralische Keule Wer-ist-benachteiligt im Hintergrund mitschwingt, droht in den wenig erkenntnisreichen Grabenkampf abzugleiten. Warum nicht wie in anderen Bereichen, die Diskussion gleich an der Sache orientiert zu starten und nicht erst eine Metadiskussion voranstellen zu müssen, um die richtige Begrifflichkeit zu klären.

 

Einige VertreterInnen in der Ärzteschaft sind erfreulicherweise schon einen Schritt weiter, sehen das Problem nicht (mehr) und vertreten die Auffassung, dass vor dem Hintergrund einer zunehmend personalisierten Medizin, das Geschlecht schlicht selbstverständlicher Bestandteil bei Diagnose und Therapie ist. So sollte ist es sein. Ist es aber noch (lange) nicht.

 

KongressBrief: Editorial (September 2021)

Jetzt ist die Wahl vorbei. Jedenfalls so gut wie, wenn das Berliner Chaos nicht noch ein Nachspiel hat. Die Koalitionsverhandlungen nehmen an Fahrt auf, entschieden ist noch nichts. Wie wird sich wohl der neue Ausschuss für Gesundheit zusammensetzen und wie wird das Thema geschlechtersensible Gesundheitsversorgung in seinen verschiedenen Facetten repräsentiert sein? Erwartungsgemäß findet sich in den Wahlprogrammen der Grünen und auch der SPD am meisten zu diesem Thema.

 

Corona hat gezeigt, dass der geschlechterspezifische Aspekt ein wichtiges Kriterium bei der Erforschung und Behandlung von Krankheiten ist und Gendermedizin kein Orchideenfach, sondern Fortschritt. Der geschlechtersensible Blick sollte bei den anstehenden Themen während der künftigen Legislatur eigentlich per se inkludiert sein. Hier eine Auswahl:

 

Thema Digitalisierung: Hier haben wir es immer noch mit einem gender-data-gap zu tun, den es zu schließen gilt. Sind Apps für Patienten und Patientinnen in ihrem jeweiligen Lebensalltag geeignet. Sollen digitale Anwendungen im Rahmen der medizinischen und pflegerischen Versorgung zunehmend zum Tragen kommen, tut man/frau gut daran, die Perspektive auch der Anwenderinnen – und natürlich auch der Anwender in die Entwicklung mit einzubeziehen. Auf Entwickler- und Forschungsseite braucht es mehr Frauen für ein ausgewogenes Verhältnis.

 

Thema Pflege: Hier gilt es, die zur Hochzeit der Pandemie gewachsene Einsicht weiter zu entwickeln; dass Pflege nicht irgendwie von selbst geschieht, meist von Frauen ausgeübt wird, denen Nächstenliebe, wie einst den Nonnen, Motivation genug ist. Es geht um ein angemessenes Gehalt, um Attraktivität der Tätigkeit und damit auch um die Erweiterung von Kompetenzen (wie in anderen Ländern selbstverständlich), um Karrierechancen und damit auch um Augenhöhe mit dem ärztlichen Personal. Das kostet Geld und bedarf wahrscheinlich der ein oder anderen Umstrukturierung. Weibliche Pflegekräfte aus dem Ausland gibt es auch nicht umsonst, die Bedingungen müssen gleichfalls stimmen, denn diese Frauen lassen ihre Familien zurück, müssen eine neue Sprache lernen und lassen sich nicht wie ihre koreanischen Vorgängerinnen in den 1960er Jahren so einfach abwerben.

 

Thema Ärzte-/Ärztinnenmangel: Die kommunalen Anstrengungen, um junge Ärztinnen und Ärzte für den ländlichen Raum zu gewinnen, bedürfte einer nationalen Anstrengung und notwendiger politischer Leitplanken. Abgesehen von den Herausforderungen, die Familie und Beruf hauptsächlich für Ärztinnen, aber auch für Ärzte mit sich bringen, ist die lebenslange (finanzielle) Bindung an einen Ort für viele weniger erstrebenswert als für Vorgängergenerationen.

 

Thema Ausbildung: Gendermedizin ist immer noch nicht fester Bestandteil eines Regelstudienganges der Medizin. Auch die kürzlich aktualisierte Approbationsordnung nimmt den Begriff nicht auf, sondern überlässt die Querschnittsfächer den jeweiligen Fakultäten.

 

Ein weites Feld...

 

KongressBrief: Editorial (August 2021)

Eine Sommerbilanz:

Allen, die schon aus den Ferien zurück sind, ein herzliches Willkommen wieder am heimischen Schreibtisch.

 

Die entspanntere Sommerzeit ist gut genutzt worden, um die Trommel für eine geschlechtersensible Medizin noch etwas stärker zu rühren. Viele Beiträge in den Publikumsmedien, bringen das Thema an die Öffentlichkeit bzw. an Patienten und Patientinnen, schaffen Bewusstsein und Kompetenz in der Breite.

 

Die Studierenden des Hartmannbundes fordern, gemeinsam mit dem Deutschen Ärztinnenbund, dass Gendermedizin nicht mehr nur als „Orchideenfach“ wahlweise und abhängig von der jeweiligen Fakultät im Studium angeboten werden soll, sondern als Querschnittfach im Curriculum eines zeitgemäßen Medizinstudiums – was Standards wie z.B. in den USA, Schweden oder Israel entspräche.

 

Warum tut man sich so schwer in Deutschland, trotz evidentem Forschungsstand, der durch Covid-19 unfreiwillig beschleunigten Erkenntnis, dass es Unterschiede zwischen Männer und Frauen beim Infektionsgeschehen, Krankheitsverlauf, Sterberisiko und auch bei den Folgen einer Erkrankung gibt?

 

Wie der Herr so’s G’scherr. Der Spruch meiner Großmutter gibt vielleicht eine Teilantwort auf die schleppende Integration des z.T. gar nicht mehr sooo neuen Wissensstandes auf dem Feld der Gendermedizin. Der Herzinfarkt bei Frauen, in den 1980er Jahren sozusagen entdeckt, in Fachkreisen seit rund 40 Jahren diskutiert und in letzter Zeit auch rauf und runter in der Publikumspresse, hat es erst 2016 wirklich in eine Leitlinie geschafft. Die deutlich jüngere Erkenntnis, dass auch Männer psychisch leiden und eine handfeste Depression entwickeln können, hat im Vergleich sehr viel rascher Aufnahme in den Leitlinien gefunden. Ein Blick auf das Verhältnis von Autoren und Autorinnen der beteiligten Fachgesellschaften und der jeweiligen Leitlinien mag indirekt die großmütterliche Einschätzung bestätigen, dass sich in der Führung entscheidet, wo die Schwerpunkte gelegt werden. Mal sehen, wie weit das zweite Führungspositionsgesetz (FüPoG II) in Fakultäten und Fachgesellschaften strahlt.

 

Insofern ist es ein wichtiger Impuls für eine geschlechtersensible Medizin, dass der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, im Podcast des Ärzteblattes das Präventionsverhalten von Männern beleuchtet. Als weiteres, erfreuliches Ergebnis ist die funkelnagelneue ESC-Leitlinie zur Prävention kardiovasculärer Erkrankungen zu verbuchen, die von einem internationalen ExpertInnenteam erarbeitet wurde und nicht nur den Begriff „Gender“ 24 Mal führt, sondern auch ein eigenes Kapitel zur Bedeutung der Geschlechterunterschiede umfasst. Weiter so.

 

Podcast „Sprechende Medizin“:

https://www.bundesaerztekammer.de/presse/informationsdienst/sprechende-medizin/

 

ESC-Guideline:

https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehab484/6358713

KongressBrief: Editorial (Juni & Juli 2021)

Der sommerliche Blick über den Tellerrand: Es sind Ferien im Jahr 2 der Pandemie und es herrschen ideale Bedingungen, um die nun zum Delta mutierte Variante des SARS-CoV-2-Virus europaweit zu verteilen. Mit Sorge schaut man auf die Maßnahmen seitens von Regierungen, die reflexartig auf scheinbar Bewährtes zurückgreifen. So lässt sich aktuell aus dem Spanischen Sommerbüro beobachten, wie von offizieller Seite empfohlen wird, Masken doch wieder draußen zu tragen, außer am Strand oder beim Sport; wie aber in Innenräumen, z.B. in Restaurants oder Tapasbars die Maskenpflicht fällt und fröhlich konsumiert und v.a. parliert wird – wobei das spanische Idiom, anders als etwa das Norwegische, deutlich mehr Aerosolausstoß verspricht. Ein Lockdown dräut immer im Hintergrund.

 

In Spanien wie in den meisten Regionen der Welt stellt Corona auch das gesellschaftliche Miteinander auf eine harte Probe. Der ökonomische Druck nimmt zu, in gesellschaftlich und volkswirtschaftlich fragilen Ländern stärker als in robusteren Industrienationen. Und schnell regiert das Gesetz des Stärkeren, des physisch Stärkeren. Neben häuslicher Gewalt, auch wenn offizielle Zahlen eine Zunahme nicht bestätigen, existieren noch ganz andere Formen der Gewalt, die im mitteleuropäischen Deutschland so nicht wahrgenommen werden.

 

Stichwort 30. Juli, Tag des Menschenhandels. Sklavenhandel gibt es nicht nur im Märchen oder im arabischen Raum, sondern auch 2021 in Europa mit einem Anstieg von rund 44 Prozent. Spanien ist eines der wichtigsten „Handelszentren“ und Alicante an der Costa Blanca Hauptumschlagplatz, mit Hafen und Fährverbindungen nach Algerien. Der harte Lockdown hat die Opfer, genau wie andere Gewaltopfer, zusätzlich isoliert, ihre Lage verschlechtert. Männer, Frauen und Kinder werden mit falschen Versprechungen gelockt, häufig sogar vom Flüchtlingsboot und zu Zwangsarbeit, z.B. als Erntesklaven, Prostitution oder kriminellen Handlungen, z.B. als Taschendiebe oder Drogendealer, gezwungen. Unter dem Druck der TäterInnen werden sie nicht selten selbst zu Tätern und Täterinnen. Ein Teufelskreis.

 

Frauen werden, wie soll es auch anders sein, gezwungen, sich zu prostituieren und sich de facto vergewaltigen zu lassen. Das sind keine „Sexarbeiterinnen“, sondern schlicht Sklavinnen. In Spanien herrscht eine besonders große „Nachfrage“, v.a. unter Jugendlichen, was, nach wirtschaftlichen Gesetzen, auch das „Angebot“ erhöht. Wieder: ein Teufelskreis, den zu durchbrechen eine globale Aufgabe ist. Corona hat die Chancen für Mädchen und Frauen v.a. in ärmeren Ländern deutlich verschlechtert. Jeder Euro, der dort in Bildung investiert wird, bringt auch die Gesellschaften voran, da weniger Frühehen, weniger Prostitution und damit das Armutsrisiko für Frauen sinkt. Jeder Euro, der mit einer boomenden Pornoindustrie, verdient wird, verschlimmert das Übel der zur Prostitution Gezwungenen. Einer Pornoindustrie, die v.a. bei jungen (männlichen) Menschen katastrophale Impulse setzt und den Körper von Frauen zum verfügbaren Ding werden lässt, alle Bemühungen auf dem mühsamen Weg zur sexuellen Selbstbestimmung von Frauen und damit um Gleichberechtigung/Gleichstellung konterkariert. Also, wenn man/frau in Brüssel über europaweite Corona-Wiederaufbauhilfen nachdenkt, könnte man/frau sich auch Gedanken zu diesen schmuddeligen Kollateralschäden machen, die nicht auf Spanien beschränkt sind und wie – möglichst global – präventive Maßnahmen aussehen könnten.

KongressBrief: Editorial (Mai 2021)

„Vor dem Hintergrund anhaltender wissenschaftlicher Diskussionen über die Rolle von Geschlecht hinsichtlich schwerer COVID-19-Erkrankungsverläufe und zur grundsätzlichen Vermeidung einer möglichen Diskriminierung nach Geschlecht wurde dieses nicht als eigenständiger, potenzieller Risikofaktor berücksichtigt.“

 

Milde gesagt: Diese Formulierung im Epidemiologischen Bulletin des Robert-Koch- Instituts vom 12. Mai erstaunt. Auch nach mehrmaligem Lesen. Würde man/frau doch davon ausgehen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse beim RKI im Vordergrund stehen. Der Satz erstaunt um so mehr als dass Beobachtungen der letzten Monate durchaus einen Zusammenhang zwischen Geschlecht und Covid- 19-Verläufen feststellt, in Verbindung mit Alter und Vorerkrankungen. Östrogen, so wird vermutet, scheint wie bei anderen Erkrankungen, auch hier seinen schützenden Einfluss geltend zu machen und dafür zu sorgen, dass deutlich weniger Frauen einen schweren Verlauf nach einer Corona-Infektion durchmachen müssen und seltener daran versterben. Long-Covid-Folgen machen ihnen dagegen mehr und länger zu schaffen. Auch beim Impfgeschehen ist ein Geschlechteraspekt bei den Nebenwirkungen einiger Impfstoffe nicht ganz von der Hand zu weisen.

 

Vorwärts und rückwärts gelesen lässt sich der Satz schwer in einen (natur- )wissenschaftlichen Kontext unterbringen; denn entweder hat das Geschlecht einen Einfluss auf Ansteckung und Verlauf bei einer Covid-19-Erkrankung oder nicht. Im ersteren Fall müsste dazu weiter geforscht werden – was derzeit geschieht. Im zweiten Fall hätten Studien bereits den Beleg geliefert, dass das Geschlecht tatsächlich keinen Einfluss hat.

 

Kann eine moralische Größe, d.h. „Diskriminierung“ als wissenschaftlicher und damit neutraler Faktor angeführt werden? Die Formulierung des RKI suggeriert auf den ersten und auch zweiten Blick, dass damit ein näheres Hinschauen auf Geschlechteraspekte bei Covid-19-Erkrankungen erst mal nicht in Betracht kommt. Mag sein, dass die Forschung noch nicht valide Ergebnisse vorweisen kann, die erlauben, das Geschlecht als potenziellen Risikofaktor eindeutig zu definieren; aber dann sollte das auch so zum Ausdruck kommen.

 

Gerade mit Covid-19 kann es gelingen, ganz unideologisch, geschlechtersensible Aspekte bei Erkrankungen in den Blick zu nehmen, biologischen Ursachen nachzugehen und die Konsequenzen bei Versorgung und Prävention daraus zu ziehen. Das sollte nicht durch moralische Begrifflichkeiten gefährdet werden, die schnell die Sicht vernebeln und den notwendigen Austausch behindern können.

KongressBrief: Editorial (April 2021)

Krisen können ja, wenn es gut läuft, einen Bewusstseinssprung bewirken – wenigstens auf manchen Gebieten. Die durch das Sars-Cov2-Virus global ausgelöste Pandemie hat eine gender-medizinische Sichtweise auf jeden Fall salonfähig(er) gemacht. Auch wenn der Terminus häufig nicht expizit genannt wird, so werden doch die weitreichenden Folgen, die Corona auf Männer und Frauen hat, auch in der breiten Öffentlichkeit mit dem speziellen Blick auf das Geschlecht betrachtet. Biologische und soziokulturelle Unterschiede können schlicht nicht geleugnet werden, auch dank der Zahlen, die im Zusammenhang mit der neuen Krankheit zusammen getragen werden und für Evidenz sorgen.

 

Eine kurze Bilanz:

 

Männer laufen eher Gefahr nach einer Sars-Cov2-Infektion mit einem schwereren Krankheitsverlauf fertig werden zu müssen und schlimmstenfalls daran zu versterben. Frauen können sich infizieren, hatten und haben (wenigstens bei der ursprünglichen Variante) ein geringeres Risiko schwer oder überhaupt zu erkranken. Möglicherweise spannt Östrogen hier seinen besonderen Schutzschirm auf? Machen Frauen dagegen eine Erkrankung durch, haben sie häufiger mit Long- Covid-Folgen zu kämpfen.

 

Auch auf bestimmte Impfstoffe kann ein weiblicher Organismus anders reagieren als ein männlicher. Statistisch gesehen mögen die, v.a. bei jüngeren Frauen ausgelösten Thrombosen, nicht besonders ins Gewicht fallen – für die individuell Betroffenen und ihre Angehörigen bleibt der Schlaganfall eine Katastrophe und ein Image-Gau für den Impfstoff. Ist wiedererum das Östrogen verantwortlich, hormonelle Kontrazeptiva, Rauchen? Alles zusammen? Wurde das in den Studien ausreichend berücksichtigt?

 

Gesellschaftlich tragen Frauen den Löwinnenanteil von Lockdown, Homeoffice und Heimbeschulung. Im Schnitt stemmen doppelt so viele Frauen wie Männer auch noch diese Herausforderung. Auch das zeigt in Summe des beantragten Kinderkrankengeldes. Hmm, aber sollte dieser Ausgleich eine Leistung der Krankenkassen sein?

 

Eher wären das wohl die Folgen gestiegener häuslicher Gewalt, unter der hauptsächlich Frauen und Kinder zu leiden haben; je schwieriger die sozialen und finanziellen Verhältnisse desto eher. Wiederum sprechen die Zahlen der Gewaltambulanz der Charité für sich. Leider sind auch die Art der Verletzungen, nach Aussagen der Leitung gravierender geworden. Die Dunkelziffer lässt sich wohl kaum erahnen.

 

Und das führt mich zu dem letzten Punkt. Laut Daten der KKH sind in diesen Zeiten deutlich mehr Frauen als Männer von Depression und Burnout betroffen. Angesichts der steigenden häuslichen Gewalt unter dem Druck von Lockdown und bedrohten Arbeitsverhältnissen wären hier vielleicht auch Männer verstärkt in den Fokus zu nehmen, die durchaus andere Symptome bei einer Depression zeigen können.

 

Das wäre ein coronabedingter weiterer Schritt in Richtung geschlechtersensibler Betrachtung des Pandemie-Geschehens.

KongressBrief: Editorial (März 2021)

Was lange währt...: GKV-Bündnis für Gesundheit fördert Genderforschung zur Gesundheitsförderung und Prävention. Nein, kein Aprilscherz, sondern ein großes Osterei pünktlich zum Fest der Auferstehung des Herrn. Die gemeinsame Initiative der Krankenkassen stellt rund 1,7 Millionen Euro zur Verfügung und möchte gleich vier sehr unterschiedliche Projekte im Bereich der Gendermedizin fördern. Ein amitioniertes Vorhaben, das aber dem 2015 ins SGB V eingefügten §2b dabei hilft, wieder ein wenig mehr in der Versorgungsrealität anzukommen – und dem darin forumilierten Anspruch: „Bei den Leistungen der Krankenkassen ist geschlechtsspezifischen Besonderheiten Rechnung zu tragen.“

 

„Suizid-Prävention für Männer“ steht laut Pressemitteilung ganz oben auf der Liste. Kommunikationsangebote und Zugangswege sollen untersucht werden, mit dem Ziel zwei e-Learning-Programme zur Unterstützung Betroffener und ihrer Kontaktpersonen zu entwickeln. Mal abgesehen von der Frage, inwieweit mit der finanziellen Untersützung des GKV-Bündnisses das Projekt ausfinanziert ist, fällt auf, dass die beteiligten Projektverantwortlichen ausnahmslos weiblich sind – während diejnigen, die sich um das Projekt „Mentale Gesundheit und Gender“ kümmern und die negativen Auswirkungen von unentgeltlicher Pflegetätigkeit auf das psychische Wohlbefinden der Pflegenden in den Fokus nehmen, männlich sind. Wären in beiden Projekten nicht gemischte Teams im Lead empfehlenswerter?

 

Ja, es kümmern sich überwiegend Forscherinnen und weniger Forscher um gendermedizinische Themen und damit auch um die psychische Gesundheit von Männern; sie aber bei Problemen kommunikativ zu erreichen, scheint v.a. bei psychischen Fragen eine ganz besondere Herrausforderung, die dringend einer männlichen Perspektive bei der Lösung des Problems und der Umsetzung des e- Learning-Programms bedarf. Es bleibt anzunehmen, dass dies den Forscherinnen, die die Förderung erhalten, sehr bewusst ist und die Teams entsprechend zusammen gestellt werden.

 

Ja, professionelle aber noch mehr die nichtprofessionelle und damit unentgeltliche Pflege durch Anghörige wird überwiegend von Frauen geleistet, und daher stellt sich die Frage, ob nicht auch Frauen, am besten eine weibliche Vertretung der Betroffenen selbst, mit im Lead wäre und nicht nur Männer? Denn inwieweit auch hier eine digitale Lösung Pflegende geschlechterspezifisch unterstützen kann, ist eine Forschungsfrage wert, sollte aber eben in der Praxis zum Tragen kommen.

Wie bei allen anderen digitalen Gesundheitsangeboten und -lösungen empfiehlt es sich, diverse Teams mit festem Blick auf die Lebensrealität der Anwenderinnen und Anwender an der Entwicklung zu beteiligen. Ein Algorithmus ist am Ende eben nur so schlau, wie seine EntwicklerInnen.

 

Und am Ende bleibt die Frage, inwieweit sich strukturelle und gesellschaftliche Probleme mit Hilfe von digitalen Anwendungen überhaupt lösen lassen oder ob wir nicht Gefahr laufen, der Digitalisierung eine „Ver-Antwortung“ zuzuschreiben, die über eine 01-Entscheidung nicht gegeben werden kann?

KongressBrief: Editorial (Februar 2021)

Der Frauentag am 08. März hat die (immer noch) überwiegend männlichen Redaktionen im öffentlich rechtlichen Fernsehen inspiriert, u.a. das Thema Gewalt und Hass gegen Frauen aufzugreifen. Sei es in der Heuteshow am Freitag oder dem sonntäglichen Tatort. Poltikerinnen, Journalistinnen, kurz Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden in sog. sozialen Medien häufig beschimpft und bedroht. Ist das in diesem Ausmaß ein neues Phänomen oder legt das Internet, sozusagen als „globale Klowand“, Zustände offen, die es schon immer gab – nur eben im Verborgenen?

 

Wirklich erschreckend ist die scheinbar wachsende Anzahl jener Männer, die ihrem Hass ungehemmt, zunächst verbal, freien Lauf lassen. „Wir sind viele“ war ein häufig wiederholter Satz im Tatort, der recht abrupt und hoffnungslos endete. Die Zuschauerinnen und ganz sicher die meisten ZuschauER blieben ratlos zurück, angesichts dieses sich ausdehnenden Paralleluniversums, das jenseits des Filmsets durchaus real ist. Warum und woher dieser Hass? Handelt es sich „nur“ um Einzelfälle, um viele individuelle männliche Frustrationserfahrungen u.a. mit Frauen, die in der Cloud zusammenschmelzen? Oder haben wir es hier mit einer gesellschaftlichen Tendenz zu tun, die quasi als Antwort auf die Emanzipationsbewegung und damit auf eine zunehmende Gleichstellung, das Rad am liebsten bis ins Mittelalter, bis ins Zeitalter der Hexenverfolgungen zurück drehen möchte? Die Wurzeln dieses europaweiten und in Teilen religiös verbrämten Massenmordes an Frauen sind ja u.a. in Krisen, wie Seuchen, Hungersnöten und Kriegen zu finden.

 

Die jüngsten Statistiken bestätigen das düstere Bild: mit der Corona-Pandemie hat physische, sexualisierte und psychische Gewalt in den eigenen vier Wänden zugenommen. Experten schätzen, dass die meisten Taten gar nicht den Weg in eine Statistik finden, da rund 80 Prozent, meist aus Angst, nicht gemeldet werden. Wer weiß, was die Zahlen des Bundeskriminalamtes in diesem Jahr noch offenbaren werden – welche tödlichen Endpunkte festzustellen zu sein werden?

 

Was aber kann und muss getan werden, zum bitter notwendigen Schutz der Opfer bzw. potentiellen Opfer. Abgesehen von dringend erforderlichen Fluchträumen wie Frauenhäusern, dem weiteren Ausbau von Gewaltschutzambulanzen etc., muss es um Stärkung von Mädchen und Frauen gehen, um Aufklärung über Rechte, um die Entwicklung eines gesunden Selbst-Bewusstseins. Parallel werden wir uns gesamtgesellschaftlich aber auch Gedanken über ein neues männliches Selbstverständnis machen müssen, jenseit des tradierten und in Teilen immer noch wirksamen Rollenmusters vom starken Kerl, der seine Feinde im Staub zermalmt. Bedeutet Duchsetzungsstärke den gezielten Einsatz der Faust oder verletzenden Gebrülls, wie im Tatort von den „Bösen“ suggeriert?

 

Und es gilt die Gewaltspirale, in der Mädchen und Jungen in den betreffenden Haushalten aufwachsen, zu unterbrechen; denn hier wird ein Verhalten „eingeübt“, das eine Fortsetzung im Erwachsenenalter wahrscheinlicher macht. Soweit die Küchenpsychologie.

KongressBrief: Editorial (Januar 2021)

So kurz vor der Wahl nimmt das BMG noch mal das Thema Gendermedizin in den Fokus. Ende 2020 mit zahlreichen Ausschreibungen, die den Nutzen gendermedizinischer Erkenntnisse im Versorgungsalltag unter Beweis stellen sollen und mit der Beauftragung eines Gutachtens, um herauszufinden, wie es um Lehre und Weiterbildung auf diesem Gebiet in Deutschland bestellt ist.

 

Schlecht. Um das Resultat gleich vorweg zu nehmen. Das Wissen ist grundsätzlich vorhanden, aber mit der Weitergabe hapert's. Das hat die gemeinsame Untersuchung des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) mit der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e.V. (DGesGM) nun schwarz auf weiß belegt.

 

Wir erinnern uns. Im Koalitionsvertrag der 18. Legislatur steht: „Wir wollen die jeweiligen Besonderheiten berücksichtigen, die sich aus der Frauen- und Männergesundheitsforschung insbesondere für die gesundheitliche Versorgung und die Erarbeitung von medizinischen Behandlungsleitlinien ergeben.“ Zugegeben, 2013 liegt schon ein Weilchen zurück. Mit dem Präventionsgesetz wird 2015 aber nachgelegt, und der damals frisch eingefügte § 2b legt fest: "Bei den Leistungen der Krankenkassen ist geschlechtsspezifischen Besonderheiten Rechnung zu tragen.“

 

Aber wie soll das denn im Versorgungsalltag umgesetzt werden, wenn Gendermedizin an den meisten medizinischen Fakultäten (immer noch) keinen festen Platz einnimmt? Die Online-Umfrage, der Wissenschaftlerinnen der Charité unter 31 medizinischen Hochschulen hat gezeigt, dass die Vermittlung gendermedizinischen Wissens von einzelnen engagierten Persönlichkeiten abhängt. Von einer festen Verankerung im Regelstudiengang ist man/frau aber noch weit entfernt; außer an der Berliner Charité selbst.

 

Weiterbildungsmöglichkeiten, die mit einem Bundesärztekammerlichen Facharzt versehen, die Qualifizierung amtlich machen, gibt es in Deutschland nicht. In Österreich lässt sich ein Diplom Gender Medicine erwerben, das von der Österreichischen Ärztekammer ausgestellt ist. Das hat Folgen für die fachliche und gesellschaftliche Anerkennung von Gendermedizin insgesamt, d.h. auch für die Ausgestaltung von Leitlinien und Abrechnung von Leistungen.

 

Was aber heißt das für die Versorgung von Patienten und Patientinnen? Eine Studie von Bönte von 2008 (!) zeigt, dass z.B. in den USA Ärzten und Ärztinnen, die gendermedizinisches Wissen im Laufe ihres Studiums erworben haben, "nur" 3 Prozent Frauen mit KHK durch die Maschen der Diagnose gerutscht sind, während

Deutschland mit 10 Prozent Fehl-bzw.UnterdiagnosenbeiFrauendabeiwar. Aber

auch Männern kann die Fehldiagnose drohen, z.B. bei psychischen Erkrankungen.

 

Ein weiterer Blick über den nationalen Tellerrand: in Israel ist Gendermedizin im

Regelstudiengang Medizin bereits implementiert, in den Niederlanden arbeitet die

Regierung dran. Nächste Frage: Könnte die deutsche Langsamkeit auf diesem

Gebiet u.U. mit der schleppenden geschlechterparitätischen Besetzung von Chefarztposten bzw. Professuren zusammen hängen? Ein Loch ist im Eimer ... Ach, Sie wissen schon.

KongressBrief: Editorial (Dezember 2020)

Für 2021 möchte ich Ihnen zuallererst alles erdenklich Gute, Gesundheit,

erfolgreiche Projekte und viele frohe Stunden wünschen.

 

Nun gleich eine gute Nachricht zwischen den ganzen wieder zunehmenden Hiobsbotschaften: Justitzministerin Christine Lamprecht (SPD) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) sind gleich zum Jahresbeginn mit der verpflichtenden Quote für Frauen, nun in den Vorständen großer Unternehmen, durchgestartet. Natürlich nicht ohne die üblichen Beißreflexe, die eine verbindiche und v.a. sanktionsbewehrte Maßnahme für unsinnig erklären; z.B. dass ja nur die Qualifikation der infrage kommenden Kandidatinnen entscheidend sein sollte. Was denn sonst? Nur, diese Frauen werden häufig schon zu einem viel früheren Zeitpunkt strukturell ausgebremst. Die fachliche Qualifikation, die für Männer gilt, soll natürlich auch für Frauen gelten. Aber da fangen die Schwierigkeiten in der Realität oft schon an. Nochmal: die Quote ist kein Selbstzweck und bei den meisten Frauen, die Karriere machen wollen, unbeliebt. Die Quote ist die logische Folge einer nicht erfüllten Selbstverpflichtung der DAX-30 Unternehmen aus dem Jahr 2011.

Nächster Einwand: was, wenn sich keine qualifizierte Frau für den Job finden lässt, usw. usw.? Tja, dann hat das Unternehmen eben nicht für ausreichend weiblichen Nachwuchs gesorgt, die strukturellen Hürden einfach stehen lassen und sich vielleicht zu sicher gefühlt, wie jene, die noch 2019 öffentlich und mit Chuzpe erklärt haben, keine Frau in einen Aufsichtsrat oder gar Vorstand berufen zu wollen. Die Beharrungskräfte scheinen besonders in Deutschland sehr ausgeprägt. Mit 27,3 Prozent Frauenanteil in den Vorstandsetagen nehmen wir Platz 19 im weltweiten Vergleich ein. Dabei zeigen Studien inzwischen, dass Unternehmen, deren Führungsetagen mit Männern und Frauen besetzt sind, im Durchschnitt wirtschafltich erfolgreicher sind, weniger (Korruptions)Skandale ausbügeln müssen und in den meisten Fällen über ein besseres Arbeitsklima verfügen – was auch Männern zugute kommt. Die jüngst verabschiedete Quotenregelung ist zwar in seiner Staffelung nach Größe der Unternehmen immer noch recht elastisch, wird aber insgesamt den Druck erhöhen.

Für Körperschaften des öffentlichen Rechts wie z.B. Krankenkassen ist eine generelle Mindestbeteiligung von Frauen vorgesehen. So schreibt das zweite Führungspositionengesetz (FüPoG II) eine Mindestbeteiligung von einem Mann und einer Frau bei einem mehrköpfigen Vorstand vor. Und jetzt mal Lob in eigener Sache! Hier wäre nun die Geschlechterparität erfüllt, die das Institut für Gender- Gesundheit in seinen Gesundheitspolitischen Handlungsempfehlungen bereits 2017 gleich unter Punkt 1 gefodert hat: Eine sanktionsbewehrte Geschlechterquote in den Gremien der Kassen-Selbstverwaltung. Rund die Hälfte aller Versichterten sind Frauen und die sollten auch in den höheren Etagen der Versicherungen abgebildet werden. Einige Kassen, vorwiegend Betriebskrankenkassen, gehen ja schon mit gutem Beispiel voran und die weiblichen Vorstände nennen sich selbstbewusst Vorständin.

https://www.bundeskongress-gender-gesundheit.de

KongressBrief: Editorial (November 2020)

 

Reguläre Studiengänge für Gesundheitsberufe lassen auf sich warten

ein Interview mit Prof. Dr. Heidi Höppner | Alice Salomon Hochschule Berlin

 

M. Kloepfer: Die Akademisierung von Gesundheitsberufen wie, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie wird zwar seit geraumer Zeit diskutiert, aber eine regulierte akademische Ausbildung lässt auf sich warten. Die Bundesregierung will die Modellstudiengänge sogar noch verlängern. Welche Konsequenzen fürchten Sie?

 

H. Höppner: Ein Hinausschieben von Entscheidungen über Modelle, die längst positiv evaluiert sind, hieße, hochschulische Qualifikation in diesem Bereich in Frage zu stellen. 12 Jahre Modelle reichen aus, um herauszubekommen, ob es a. umsetzbar ist und b. ein „benefit“ für die Gesundheitsversorgung zu erwarten ist. Die Ergebnisse der Evaluation liegt vor. Deutschland ist inzwischen im internationalen Vergleich Schlusslicht bei der Anpassung von Ausbildung und Angeboten attraktiver Berufswege für TherapeutInnen.

 

Andere europäische Länder wie Österreich, die Schweiz oder auch England sind weiter; hier ist ein akademischer Abschluss in diesen Berufen „normal“. Warum tut sich aus Ihrer Sicht ausgerechnet Deutschland so schwer damit?

 

Gesundheitsversorgung ist in Deutschland sehr hierarchisch, medizin- bzw. arztzentriert organisiert. Das Image der „medizinischen Heil- und Hilfsberufe“ hält sich beharrlich. Wir brauchen für die Versorgung jedoch anders ausgebildete TherapeutInnen, die interprofessionell Lösungen in komplexen Versorgungssituationen mitgestalten und therapeutische Intervention erforschen und innovativ Konzepte voranbringen. HochschulabsolventInnen sind auf dem Arbeitsmarkt gern gesehen, doch werden diese Kompetenzen bis dato nicht honoriert. Evidenzbasierte Therapie darf PatientInnen jedoch nicht vorenthalten werden.

 

Könnte es damit zusammenhängen, dass diese Berufe überwiegend von Frauen ausgeübt werden? Weiter und mal provokativ gefragt: würde ein Hochschulstudium schneller vorangetrieben, wenn mehr (junge) Männer sich für diese Gesundheitsberufe entscheiden würden?

 

Das ist eine provokante These ... Ich denke, da ist was dran. Therapeutinnen sind sozialisationsbedingt ggf. zurückhaltender, wenig fordernd und vielleicht fehlt es auch an Erfahrung und Mut. Ein Beispiel: die Studierenden – davon eine große Anzahl Frauen – in den Modellstudiengängen könnten noch viel mehr auf ihren Vertrauensvorschuss pochen, den sie aktuell leisten. Sie haben sich auf ein Modellstudium eingelassen und vertrauen auf die Zukunft. Hier wäre jetzt Empörung angezeigt, denn ihre und die Hausaufgaben an Hochschulen sind gemacht. Andere Beispiele haben wir in der Studie „Therapeut*innen am Limit“ 2018 erfahren. Wir verlieren viele KollegInnen

 

Oft wird von Berufen in der, der Physio- und Ergotherapie wie der Logopädie als „nichtärztliche Gesundheitsberufen“ gesprochen? Ein quasi Automatismus im Sprachgebrauch, der aber eine Abgrenzung impliziert und eine unterschiedliche Augenhöhe entstehen lässt. Wie sehen Sie das? Liegt hier bereits der „Denkfehler“?

 

Ich persönlich verwahre mich gegen diesen Sprachgebrauch – richtig. Den Berufen wird quasi nur über die Referenz zu Ärzten eine Identität zugesprochen. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: wir sprechen ja auch nicht von Frauen und Nicht-Frauen – sprich: im Umkehrschluss von Männern. Für eine neue Kultur von Zusammenarbeit braucht es auch eine Sensibilität für unreflektierten Sprachgebrauch.

 

Wäre auch eine Verbesserung in der Versorgung von Patientinnen und Patienten zu erwarten, bei einer akademischen Ausbildung in den unterschiedlichen Gesundheitsberufen?

 

Es gibt erstaunliche Daten zu patientenbezogenem Outcome durch hochschulische Qualifikation Pflegender in Krankenhäusern. Für die akademisch qualifizierte TherapeutInnen fehlen bisher solche Studien. Qualifikation ist jedoch maßgeblich für die Qualität von Therapie. Meine langjährige Erfahrung auch in der Praxis ist, dass die Investition in hochschulische Ausbildung lohnt. Für Deutschland wäre zu fragen: können wir auf eine Anpassung von Ausbildung im Bereich der Therapieberufe verzichten oder sie gar aussitzen?

 

KongressBrief: Editorial (Oktober 2020)

 

„While I may be the first, I won’t be the last”.

 

Dieser seit dem Wochenende wohl sehr häufig zitierte Satz klingt nicht nur in den Ohren der Mädchen und jungen Frauen in den USA wie ein Heilsversprechen. Kamala Harris, die designierte erste Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika übergeht in ihrer Ansprache die letzten vier Jahre Trump mit seiner strukturellen Frauenverachtung und beruft sich alternativ zu „America first“ auf den Mythos des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten – auch für den weiblichen Teil der Bevölkerung. Bevor Joe Biden tatsächlich im Oval Office Platz nehmen kann, wird wohl noch das ein oder andere Scharmützel mit dem noch amtierenden Präsidenten auszufechten sein, aber allein die Aussicht zu einem kommunikativen Normalzustand zurück zu kommen macht schon Mut.

 

Was könnte mit Kamala Harris und ihren künftigen Nachfolgerinnen vielleicht-sogar- hoffentlich auch im Präsidentenamt anders werden? Natürlich leben auch weibliche Führungskräfte – und je höher das Amt desto mehr – in dieser immer noch überwiegend männlich strukturierten Welt mit ihren Zwängen, die unliebsame, unpopuläre und durchaus auch gegen den persönlichen Willen gefällte Entscheidungen fordern werden. Natürlich sind auch Frauen nicht frei von Fehlentscheidungen, die in der Regel strenger als bei ihren männlichen Kollegen geahndet werden, aber allein eine zusätzliche, weibliche Perspektive erweitert den Blick, was laut Studien z.B. Unternehmen prosperieren lässt und sie auch weniger anfällig für Korruption macht.

 

Und hier nun ein paar Fragen, auf die wir erst in vier Jahren möglicherweise eine Antwort erhalten:

Wird Obama-Care wieder belebt bzw. fortgesetzt? Werden Menschen auch mit geringem oder keinem Einkommen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung haben – so selbstverständlich wie in Deutschland?

 

Wird die Ächtung von homosexuellen Männern und Frauen wieder gestoppt?

 

Wird dem strukturellen Rassismus mit einer „coloured“ Vizepräsidentin Einhalt geboten und ein neues Normal angestrebt?

 

Wird die COVID-19-Pandemie endlich angemessen bewältigt und nicht geleugnet oder qua „Dekret“ für erledigt erklärt?

 

Werden mehr Frauen in Führungspositionen sein, in der Wirtschaft, aber auch in den höchsten Ämtern der Justiz bzw. der Regierung? (In den USA ist man/frau stellenweise ja schon deutlich weiter als in Deutschland)

 

Zunächst muss aber ein noch amtierender Präsident aus dem Weißen Haus komplimentiert werden, der sich wie ein Autokrat jener Länder aufführt, die USA zu „Schurkenstaaten“ deklariert. Noch bin ich unschlüssig, ob Donald Trump Repräsentant eines sehr antiquierten bis dekadenten Machtverständnisses ist (nach „westlicher, aufgeklärter Lesart“) oder eines, das in anderen Teilen der Welt (durchaus auch in Europa) zunehmend wieder salonfähig wird....?

 

KongressBrief: Editorial (September 2020)

Endlich! Wieder zwei Rolemodels mehr: die Französin Emmanuelle Charpentier und die Amerikanerin Jennifer Doudna haben für ihre Entwicklung der CRISPR/Cas-Methode in der letzten Woche den Nobelpreis für Chemie erhalten. Dieses Verfahren ermöglicht es, fehlerhafte Gene im Erbgut zu entfernen und gegen andere DNA-Kombinationen auszutauschen. Eine z.T. umstrittene Technologie, die zum Segen, aber auch zum Fluch werden kann – je nachdem, wer das "Instrument" verwendet.

 

Die Preisverleihung wäre doch ein guter Moment, um beide Wissenschaftlerinnen und vielleicht auch ihre Vorgängerinnen in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen, vor allem aber für Mädchen und junge Frauen, die vor der Berufswahl stehen. Stets wird beklagt, dass es für den weiblichen Nachwuchs in den naturwissen- schaftlichen Fächern und später bei der Übernahme von Führungspositionen zu wenige Vorbilder gibt, an denen sie sich orientieren könnten. Andererseits sind die wenigen, die es gibt, nicht besonders wahrnehmbar. Schade eigentlich. Es gibt sie nämlich, z.B. die Nobelpreisträgerinnen, nicht nur in den Kategorien "Literatur" und "Frieden", sondern durchaus auch in den Fächern Physik, Chemie und Medizin. Angefangen mit Marie Curie, die den Preis gleich zwei Mal erhalten hat, 1903 für Physik und 1911 für Chemie. Auch heute noch wohl die berühmteste der Preisträgerinnen. Literarisch und filmisch portraitiert, war mir ihr Werdegang, gewissermaßen "vertraut", bot die Möglichkeit zur Identifikation und Madame Curie stand damit Patin für meine Entscheidung, 1980 ein Studium zunächst in Chemie und später Biochemie beginnen zu wollen. Fast 70 Jahre nach Verleihung des zweiten Nobelpreises und 46 Jahre nach ihrem Tod. Zwischen 1911 und 1980 gab es aber durchaus Preisträgerinnen, die sich um die Naturwissenschaft verdient gemacht haben: 1935 Irène Joliot-Curie, 1947 Gerty Cori, 1963 Maria Goeppert- Mayer, 1964 Dorothy Crowfoot Hodgkin, 1977 Rosalyn Yalow. Diese Namen werden nur wenigen bekannt sein, wie wahrscheinlich die Nobelpreisträgerinnen nach ihnen, die glücklicherweise zahlreicher werden. Im Physik-, Biologie oder Chemie-Unterricht wurden sie nicht genannt und das Internet gab's schlicht noch nicht.

 

Man/frau muss sich auch heute auf die Suche machen, um überhaupt eine Biographie zu finden, geschweige denn eine Verfilmung, die die sicher nicht leichten Stationen auf der Karriereleiter aufbereiten und einem breiteren, jüngeren (weiblichen) Publikum zugänglich machen. Weibliche junge Menschen brauchen genau wie männliche junge Menschen Vorbilder. Ganz einfach.

 

Als Alternative zur nächsten Fantasy-Filmserie wären diese Lebensläufe doch auch ein ganz schönes Sujet, das sich jeweils spannend und informativ aufbereiten ließe. So könnten die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten ihrem immer wieder hervorgehobenen Bildungsauftrag auch gerecht werden und das z.T. noch unterentwickelte Interesse für sog. MINT-Fächer bei Mädchen (aber nicht nur) wecken. Mal sehen, welcher Programmchef oder welche Programmchefin hier die Avantgarde stellt?

KongressBrief: Editorial (Juli & August 2020)

COVID-19 und kein Ende. Wurden im Juni stolz die Grenzen geöffnet, dem

Reiseverkehr grünes Licht gegeben, auch in der Hoffnung, dass frische Luft,

Wärme und Sonne das Virus im Zaum halten könnte, droht in manchen Ländern

gegen Ende der Reisesaison eine zweite Welle. In einigen Ländern ist ein partieller

Lockdown wieder am Horizont oder wird sogar schon umgesetzt.

 

COVID-19 lässt sich sehr gut aus geschlechtersensibler Perspektive betrachten,

d.h. unter biologischen Aspekten und sozio-kulturellen. Mit dem Virus infizierte

Männer, vor allem ältere und mit Vorerkrankungen belastete, sind häufig schwerer

betroffen und versterben auch eher. Während sich einige Experten ob der Gründe

hierfür noch verwundert die Augen rieben, gingen andere der Frage nach, welchen

Einfluss das Geschlecht und damit auch Hormone auf Ansteckung, den

Krankheitsverlauf oder die Sterberate haben könnten und fanden heraus, dass

Östrogen eine erhebliche Rolle bei der Immunabwehr spielt und z.B. eine

Hormontherapie bei postmenopausalen Frauen im Corona-Kontext durchaus ihre

Vorteile haben kann. Kurz und plakativ: je mehr Östrogen dem Körper zur

Verfügung steht, um so besser wird er mit dem Virus fertig. Das ist der biologische

Teil der gendermedizinischen Betrachtungsweise. Wir sollten also im Zuge der

Entwicklung von möglichen Medikamenten und Impfstoffen nicht verpassen,

differenziert hinzuschauen nach Männern und Frauen in Studien zu unterscheiden,

am besten unter Einbeziehung des Alters.

 

Beim sozio-kulturellen Zwischenfazit der Corona-Krise sieht es dagegen für Frauen

und Kinder schlecht aus. Die Hans-Böckler-Stiftung fürchtet nach Auswertung einer

von ihr in Auftrag gegebenen Befragung eine "Retraditionalisierung" der

Rollenzuordnungen. Homeschooling und Haushalt fielen zunehmend in den

Verantwortungsbereich von Frauen und je schlechter die finanzielle familiäre

Situation, desto eher. Oft steht dahinter eine rationale Überlegung; denn dort, wo

das Geld knapp ist, verschieben sich die Prioritäten zuungunsten des geringer

dotierten Jobs. Dumm nur, dass meist Frauen in Teilzeit tätig sind, dass Frauen

häufig in Betrieben beschäftigt sind, die keinem Tarifvertrag unterliegen, weshalb

die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auch seltener greift. Für diejenigen

Frauen, die zusätzlich zu Homeschooling, Kinderbetreuung und Haushalt auch

noch das Homeoffice zu bewältigen hatten erhöhte sich die Belastung um ein

Vielfaches.

 

Häusliche Gewalt gegen Frauen und vermehrt gegen Kinder zählt wohl mit zum

schlimmsten Kollateralschaden dieser Pandemie. In Deutschland, in Europa und

weltweit. Die Gewaltschutzambulanz der Charité zählt allein für Berlin einen

Anstieg um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Berliner Tagesspiegel zitiert

Ärzte, die von Verletzungen bei Kindern berichten, die "eigentlich nur" nach

Autounfällen zu beobachten sind. Die endgültigen Zahlen werden erst 2021

vorliegen und ich fürchte, es wird eine traurige Bilanz. COVID-19 zeigt nicht nur,

dass unser Gesundheitssystem ziemlich gut funktioniert und reagiert hat, sondern

dass wir gesellschaftlich leider immer noch einige Defizite aufzuarbeiten haben.

Die Initiative "Stärker als Gewalt" der Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey

ist aller erdenklicher Erfolg zu wünschen und eine schnell wachsende Zahl der

bislang 15 beteiligten Einkaufszentren.

KongressBrief: Editorial (Juni 2020)

(Bild: pixabay)

Es muss ein harter Kampf gewesen sein. Nach elf langen Verhandlungsstunden hat sich die CDU auf eine Geschlechterparität von 50:50 auf Führungsposten geeinigt. Hauptgegner: der CDU-Wirtschaftsrat. Kritik kommt ausgerechnet von der Vorsitzenden, Astrid Hamker, die mit einer BundeskanzlerIN und diverser MinisterINnen in der Regierung keine Notwendigkeit einer verpflichtenden Quote sieht. Es geht um strukturelle Weichenstellungen, und das haben z.B. die CDU-Männer Paul Ziemiak und Norbert Röttgen erkannt – ausgerechnet. Eine kleine Revolution ist das schon; denn haben zunehmend Frauen das Sagen, jetzt auch bei den Konservativen, werden politische Entscheidungen künftig anders ausfallen – hoffentlich.... bestimmt.

 

Ab ersten Januar 2021 geht’s also los mit einer dynamischen Quote, die nach vier Jahren bei 50:50 angekommen sein soll. Damit es nicht heißt, dass es ja nicht genügend Frauen für die zu besetzenden Posten gab, wenn’s mit der Umsetzung nicht klappt, sollte rasch begonnen werden, die CDU zu einer attraktiven Partei für Frauen zu gestalten.  Mit 26 Prozent Frauenanteil könnte es irgendwann tatsächlich schwer werden, genügend weibliches Personal für Führungspositionen zu finden. Das ist überall so: in der Wirtschaft, in der Uni, in Kliniken – man/frau muss etwas für den Nachwuchs tun, sonst droht der Fachkräftemangel.

 

Im Verlauf einer Unterhaltung mit einer älteren ehemaligen Unternehmerin bemerkte meine Gesprächspartnerin, sehr überzeugend, dass der größte Unterschied zwischen Männern und Frauen, die Sache mit dem Kinderkriegen sei. So einfach wie schlicht und so groß die Herausforderung; denn zur Zeit (und in Corona-Zeiten noch mal verstärkt) bedeuten Kinder Karrierekiller Nummer 1, jedenfalls für die meisten Frauen. Wenn die CDU also wirklich Ernst macht und auch Frauen mit Kindern eine politische Karriere ermöglichen will, entwickelt sie vielleicht sozusagen als „Nebenprodukt“ Instrumente zur politisch-gesellschaftlichen Gestaltung für eine lebbare Balance zwischen Beruf und Familie, die nicht nur für die Mütter, sondern gleichermaßen für die Väter gilt. Die bilden nämlich den anderen Elternteil. 

 

Eine Möglichkeit bestünde z.B. darin, das Elterngeld dann zu bewilligen, wenn die  Elternzeit 50:50 zwischen Müttern und Vätern aufgeteilt wird. Ein Vorschlag meines Mannes übrigens. Hier wären also alle Väter betroffen. Dank einer Verpflichtung,  blieben Vätern auch die ein oder andere Diskussion erspart, mit der sie ihre Elternzeit manchem Arbeitgeber und Kollegen gegenüber rechtfertigen müssten. Mütter wären wieder schneller im Beruf und das Kind gewöhnt sich früh an beide Elternteile. 

 

Vielleicht hilft auch ein Blick über den nationalen Tellerrand. Nach Schweden zum Beispiel. Hier hat Politik vor 50 Jahren begonnen, gestaltend einzugreifen, um das Potential von Frauen für den Arbeitsmarkt nicht zu verschenken. 1978 sorgten bekannte Sportler auf Plakaten für Akzeptanz eines neuen Rollenbildes des schwedischen Mannes. Der Gewichtheber Lennart Dahrgren ließ sich mit einem Säugling im Arm ablichten unter dem Slogan „Barnledig Pappa“ (Papa in Elternzeit!). Nur mal so als Überlegung für die Sommerzeit. 

KongressBrief: Editorial (Mai 2020)

 (Bild: pixabay)

 

Einen Lehstuhl für Gendermedizin. Den fordern die Frauen der Union der CDU in Sachsen-Anhalt. 

 

Die Zeit für Lehrstühle für Gendermedizin wäre in Deutschland so langsam gekommen, kaum 10 Jahre nachdem unser Nachbarland Österreich es uns vorgemacht hat: 2010 an der Medizinischen Universität Wien und vier Jahre später an der Medizinischen Universität Innsbruck. Das Institut für Gendermedizin an der Charité in Berlin ist bislang noch der Fels in der Brandung einer strukturierten, im Curriculum verankerten Vermittlung gendermedizinischen Wissens. Die Uni Bielefeld hat im letzten Jahr eine Professur eingerichtet.

 

Mit einem Lehrstuhl Gendermedizn würde auch (endlich) ein Forschungsgebiet gewürdigt, das zögerlich wirklich ernst genommen und mit den entsprechenden Etats kontinuierlich gefördert wird. Ein solcher Lehrstuhl könnte also dazu beitragen, dass die Erkenntnisse auf diesem Gebiet, die z.T. sogar schon Eingang in die Publikumspresse gefunden haben, auch in anderen Fakultäten etabliert werden. Eine Institutionalisierung täte dem Land also gut.

 

Und nein, es geht nicht um „Frauen-Medizin“, wie häufig (leider immer noch) mit dem Begriff „Gender“ assoziiert wird. COVID-19 führt ja gerade vor Augen, wie wichtig ein differenzierter Blick auf das Krankheitsgeschehen bei Männern und Frauen ist, ja vielleicht sogar noch auf den ethnischen Hintergrund der Erkrankten. Denn in den USA stellen Afroamerikaner den größten Anteil der Infizierten und traurigerweise auch der Verstorbenen; in England sind es meist Angehörige von Gesundheitsberufen mit Migrationshintergrund. Ob die Antwort bei beiden Gruppen allein beim z. T. deutlichen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung liegt, oder ob auch hier zusätzlich biologische Parameter greifen, bleibt abzuwarten. Aber das nur am Rande. 

 

Nicht nur in Diagnose und Therapie dient der gendermedizinische Blick einer besseren und damit möglicherweise auch kosteneffizienteren Versorgung; auch bei der Prävention fehlt häufig noch eine gezielte Ansprache, die nicht nur Frauen, sondern auch Männer erreicht. Wie das gelingen kann, zeigt die funkelnagelneue Webseite www.mann-was-geht.de, die von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. dieser Tage gelauncht wurde. Knappe, salopp formulierte Sätze, die auf den Punkt kommen und sich direkt an den Besucher wenden. Urteilsfrei wird das männliche Selbstverständnis von Gesundheit und Befindlichkeit adressiert und auf ein Eigentlich-sollte-man(n)-Appell verzichtet.  Stattdessen kommt die Auflistung von Fakten -  in Spiegelstrichen ohne sprachliche Schleifen. Männer und Frauen sind nun mal verschieden.

KongressBrief: Editorial (April 2020)

Zunächst zum neuen Grippevirus erklärt und in der allgemeinen Unwissenheit anfänglich gelegentlich verharmlost, entfaltete Covid-19 in den letzten Wochen sein Potential. Das gesundheitliche Risiko mit der Ansteckung einen schweren Krankheitsverlauf zu erleiden bzw. daran zu versterben scheint für Männer deutlich höher zu sein. Eine mögliche gendermedizinische Perspektive, ist im Interview mit Dr. Ute Seeland im letzten Editorial nachzulesen.

Frauen tragen dagegen in besonderem Maße an den mit der Pandemie verbundenen sozialen und gesellschaftlichen Folgen. Zu rund 80 Prozent stellen sie den Löwinnenanteil am Pflegepersonal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen – stehen „systemrelevant“ an vorderster Front, mit einem erhöhten Ansteckungsrisiko.

 

Zu hoffen ist, dass die Chance, die in dieser Krise liegt, sich nicht in Lippenbekenntnissen oder einmaligen Sonderzahlungen erschöpft, sondern wirklich genutzt wird, um gesamtgesellschaftlich und monetär eine adäquate Wertschätzung dieser Berufsgruppe herbeizuführen. Gleiches gilt auch für andere, wenig anerkannte, Berufe, die den Laden am Laufen halten.

 

Wie weit Deutschland jedoch in Sachen Emanzipation in toto gekommen ist, zeigt sich eben auch in der Krise. Nicht besonders weit, folgt man den Ausführungen der Soziologin Jutta Allmendinger, die die Gleichstellung nach rund zwei Monaten des Lockdown um 30 Jahre zurückgeworfen sieht. Zusätzlich zum Home-Office sind es, nicht nur, aber überwiegend Mütter, die das Home-Schooling, die Betreuung der Kleinsten übernehmen und die Pflege von Angehörigen, wenn der Pflegedienst ausfällt oder Kräfte aus dem Ausland nicht mehr ins Land dürfen – ach ja, und das bischen Haushalt kommt noch hinzu.

 

Bild von Tumisu auf Pixabay
Bild von Tumisu auf Pixabay

Frauen und Kinder sind auch – und das ist wohl der dramatischste Kollateralschaden von Covid-19 – besonders durch häusliche Gewalt betroffen, die in manchen Ländern um das Doppelte angestiegen ist. Ausgangsbeschränkungen, die Schließung von Schulen und sozialen Einrichtungen ließen wenig

 

Möglichkeiten zur alltäglichen Flucht. Frauenhäuser sind, Hygienevorschriften und Quarantänemaßnahmen unterworfen, nicht voll einsatzfähig. Man kann mit Bangen auf die jährliche Statistik zu den Todesopfern häuslicher Gewalt warten. Noch steht die Schadensbegrenzung im Vordergrund; die Krise könnte aber auch hier genutzt werden, eine umfassende, gesamtgesellschaftliche Diskussion zu starten, das Thema aus der Schmuddelecke zu holen und die Systemrelevanz hervorzuheben.

 

Denn, dass Gewalterfahrungen bei Kindern wieder zu Gewalt führt, ist eine Binsenweisheit. Eine Kamagne gegen häusliche und sexualisierte Gewalt, der man seit zwei Jahren in Spanien in jedem Schaufenster, auf jeder Plakatwand und in den Medien begegnet, hat (wenigstens bis zu Corona) zu sinkenden Zahlen geführt.

 

Wie das Maskentragen und Händewaschen zum Schutz Anderer öffentlich angemahnt wird, so könnte auch die Prävention von Gewalt im Alltag sichtbar werden. Es wird lange dauern, sehr lange, bis bei (potentiellen) Tätern verinnerlicht ist, dass man seine Frau und Kinder nicht einfach verprügelt, wenn der Frust zu groß wird, aber irgendwann müssen wir mal anfangen.

KongressBrief: Editorial (Februar & März 2020)

Auch angesichts der COVID-19 Pandemie sind wir nicht alle gleich. Bei älteren Menschen bzw. Menschen mit Vorerkrankungen kann eine Infektion zu einem schwereren oder gar tödlichen Verlauf führen, wie die traurigen Zahlen jeden Tag weltweit eindrucksvoll zeigen. Auch stellt sich – ganz langsam zwar – das Bewusstsein ein, dass (meist) unterbezahlte „typische Frauenberufe“, wie in der Pflege oder im Supermarkt, den Laden überwiegend am Laufen halten, also systemrelevant sind und ihre Miete nicht nur durch freundlichen Applaus bezahlen können.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Krankheitsverlauf bei Männern und Frauen unterschiedlich ist, dass laut aktueller Statistiken überwiegend Männer an diesem Virus versterben. Verfügen Männer folglich über ein schwächeres Immunsystem oder leben Frauen einfach gesünder? Ein gendermedizinischer Blick scheint geboten, um ergebnisoffen gleich zu Beginn der Erforschung neuer Erkrankungen wie COVID-19 den Einfluss biologischer Geschlechterunterschiede und soziokultureller Gegebenheiten zu berücksichtigen, die gewonnenen Erkenntnisse für die Entwicklung neuer Medikamente nutzbar zu machen und keine wertvolle Zeit zu verlieren.

Statt des gewohnten Editorials lesen Sie hier das Interview mit Dr. med. Ute Seeland (Gendermedizinerin | DGesGM).

 

KongressBrief GenderGesundheit: Männer scheinen häufiger von einem schwereren, ja tödlichen Verlauf einer Infektion durch COVID-19 betroffen zu sein. Wie beurteilen Sie solche Statistiken? 

 

Dr. Ute Seeland: Erste Daten aus dem Versorgungsalltag zeigen, dass Männer mit COVID-19 Infektionen häufiger von einem schweren und oft tödlichen Verlauf betroffen sind als Frauen. Solche Darstellungen sind natürlich nicht falsch, können aber den Blick einengen und den Sachverhalt zu einfach darstellen.

 

Sehen wir uns die Darstellung der National Records of Scotland (NRS) an, die die Anzahl der mit dem Coronavirus in Verbindung gebrachten Todesfälle zwischen dem 16. März und dem 5. April 2020 zeigt, dann sehen wir, dass ab einem Lebensalter von 85 Jahren mehr Frauen als Männer versterben. Das ist schon interessant.

Auf der Seite des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigt sich für Deutschland, dass sich der Geschlechterunterschied erst ab einem Alter von 90 Jahren aufhebt, allerdings wurde hier eine andere Alterseinteilung auf der X-Achse  gewählt.  Aufgabe der Gendermedizinier*innen ist es z.B. weitere epidemiologische Kennzahlen zu berücksichtigen, wie z.B. die längere Lebenserwartung von Frauen, die Vorerkrankungen und medikamentöse Therapien bei beiden Geschlechtern, den Zugang zum Gesundheitssystem usw..

 

KBGG: Wie könnten aus gendermedizinischer Sicht Statistiken genauer dargestellt werden? 

Viktor Ivanchenko auf Pixabay | virus-4933201_1280.png

Dr. Ute Seeland: Bleiben wir bei den Balkendiagrammen. Nach welchen Kriterien die Altersstrata auf der X-Achse gewählt werden, kann z.B. von der zu beantwortenden Fragestellung bzw. Hypothese abhängen. Möchte ich einen ersten Eindruck bekommen, ob die Todesfälle oder die Zahl der Infizierten mit Phasen biologischer Veränderungen in Verbindung stehen, z.B. bei größeren Hormonschwankungen, dann wären folgende Einteilungen denkbar: 30-49, 50-69, 70-89 und ab 90. Hier wäre z.B. der Zeitpunkt vor der Menopause, die Perimenopause und danach berücksichtigt.

 

KBGG: Verfügen wir denn über Daten, die eine geschlechtersensible Auswertung erlauben? Oder anders gefragt, werden die erforderlichen Daten in Studien überhaupt entsprechend erhoben? 

 

Dr. Ute Seeland: Das ist oft nicht der Fall und wertvolle Informationen können verloren gehen. Ich sehe zwei Gründe dafür. Erstens wird von den meisten Forschenden bei der Studien- und Registerplanung nicht an die Erhebung und Auswertung nach dem Geschlecht gedacht und zweitens führen diese zusätzlichen Daten zu einer Verlängerung des Fragebogens, was immer ein kritischer Punkt ist. 

Hier einen Mittelweg zu finden, ist das Ziel und gar nicht so schwierig, wenn die Geschlechterunterschiede in den formulierten Hypothesen gleich zu Beginn der Studie verankert sind. Bei großen Registern, die nun für COVID-19 auf nationaler und europäischer Ebene koordiniert werden, ist das Einbinden der Expertise von Gendermediziner*innen besonders wichtig, um nicht wertvolle Zeit zu verlieren und zu riskieren, durch gegenläufige Effekte bei den Geschlechtern die Unterschiede statistisch zu maskieren.  

 

KBGG: Wo sehen Sie das größte Risiko, wenn diese Unterschiede nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt werden?

 

Dr. Ute Seeland: Aus der Vergangenheit wissen wir, dass Wirksamkeit und Nebenwirkungsprofil von Medikamenten sehr unterschiedlich sein können bei Frauen und Männern. Das fällt dann oft erst spät in der Versorgungsforschung auf. Bei COVID-19 sollten wir uns nicht leisten, Zeit, Geld und Ressourcen zu verschwenden, sondern besser vom ersten Zellexperiment an die Daten getrennt nach den Geschlechtern erheben und auswerten. 

 

KBGG: Ist das weibliche Immunsystem besser gerüstet oder liegt es an einer im Schnitt gesünderen Lebensweise?

 

Dr. Ute Seeland: Bei der Erforschung der Geschlechterunterschiede haben wir sowohl biologische als auch soziokulturelle Unterschiede der Geschlechter im Blick. Das macht das Fach der Gendermedizin so spannend. 

 

Ich sehe zur Zeit wesentliche Forschungsansätze, die sich auf den Geschlechterdimorphismus bei den Enzymen und Rezeptoren beziehen, die wahrscheinlich an der Replikation des SARS-CoV-2 beteiligt sind, als auch bei den an der Immunabwehr beteiligten Interleukinen. Wenn wir davon ausgehen, dass ACE-2 einen Rezeptor für verschiedene Coronaviren ist, einschließlich SARS-CoV-2, und dass das Virus diesen Rezeptor braucht, um sich zu vermehren und in Zellen zu gelangen, fällt mir auf, dass ACE-2 auf dem X-Chromosom lokalisiert ist.

 

Eine interessante Ausgangslage, die Geschlechterutnerschiede bedingen kann. Auch wenn das zweite X-Chromosom in der weiblichen Zelle größtenteils funktionell nicht aktiv ist, so entgehen diesem Prozess doch ca. 15% der Gene. Zusätzlich wird ACE-2 auch durch endogenes Estradiol, dem weiblichen Sexualhormon, reguliert, so dass auch möglicherweise Unterschiede bei prä- und postmenopausalen Frauen bei der SARS-CoV-2 Infektion nachgewiesen werden können.

 

Theoretisch könnte es also sein, dass das Virus mehr Rezeptoren bei Frauen vor der Menopause  findet, die dann eine größere Viruslast aufweisen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Frauen häufiger Symptome zeigen, sondern dass sie möglicherweise eine größere Anzahl von Viren übertragen könnten im Vergleich zu den gleichaltrigen Männern. Ob das so ist, muss erst noch untersucht werden.

 

Zumindest zeigt die Grafik zur Darstellung der übermittelten COVID-19/Fälle pro 100.000 Einwohner in Deutschland auf der Seite des RKI, dass in der Alterspanne zwischen 15 und 34 Jahren der Anteil der Frauen, die sich infiziert haben, etwas höher ist als der der Männer. 

 

Erst am Ende der Pandemiewelle und einem möglichst großen Datensatz wird man sehen, ob dieser Trend so bleibt. 

Neben den biologischen Unterschieden, spielen die soziokulturellen bei der Pandemie sicherlich eine ähnlich große Rolle. Anders sind die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern kaum zu erklären. Soziale Missstände und Defizite im Gesundheitswesen werden durch die Virusinfektion sichtbar. 

 

KBGG: Inwieweit lässt sich ein unterschiedlicher Krankheitsverlauf beobachten, unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Immunabwehr?

 

Dr. Ute Seeland: Bei den meisten Menschen bleibt es bei der Virusvermehrung im Rachen. Nur bei ca 2% der Infizierten kommt es zu einer ungewöhnlichen Entzündung in der Lunge nach ca. einer Woche nach Infektionsbeginn. Das ist der Zeitpunkt an dem das Immunsystem aktiv wird.

 

Von rheumatologischen Studien weiß man, dass das Immunsystem von Frauen und Männern in Abhängigkeit der Sexulahormone unterschiedlich aktiv sein kann. Mir fällt z.B. die Produktion von Interleukin-6 ein, das der Körper u.a. bei der Immunabwehr braucht. 

 

 Östrogen hemmt die Produktion eher und Testosteron steigert diese. Die Reaktion des Immunsystems ist entscheidend für die Ausprägung der Symptome, so dass es durchaus zu einer etwas unterschiedlichen Symptomatik kommen kann bei COVID-19 Erkrankten abhängig vom Hormonstatus. Möglicherweise wäre das einer von mehreren Erklärungsansätzen für die stärkeren Symptome bei Männern und – so die Vermutung – auch bei postmenopausalen Frauen im Vergleich zu jüngeren Frauen.

KongressBrief: Editorial (Dez. 2019 - Jan. 2020)

Gleich zu Beginn des Jahres rückt die FDP das Thema Gender-Medizin in den gesundheitspolitischen Fokus, nachdem Bündnis 90/ Die Grünen 2018 der geschlechter-paritätischen Besetzung von Führungspositionen in den Gremien der Selbstverwaltung und Krankenkassen auf den Grund gegangen sind.

 

Die Kleine Anfrage der FDP-Fraktion ist so klein nicht, denn detailliert werden unter der Eingangsfrage „Welche Bedeutung misst die Bundesregierung der geschlechtsspezifischen Medizin bei und welche Relevanz hat dies aus Sicht der Bundesregierung für die Patientensicherheit?“sämtliche Aspekte aufgegriffen, die für eine geschlechtersensible Versorgung relevant sind. 

 

In einem großen Rundumschlag, wird eigentlich ein Bericht eingefordert, inwieweit sich die Hoffnungen im Konkreten erfüllt haben, die der Koalitionsvertrags der 18. Legislatur 2013 geweckt hat: „Wir wollen die jeweiligen Besonderheitenberücksichtigen, die sich aus der Frauen- und Männergesundheitsforschung insbesondere für die gesundheitliche Versorgung und die Erarbeitung von medizinischen Behandlungsleitlinien ergeben.“(2013| Koalitionsvertrag S. 82) 

 

Geradezu im „Staccato“ wird nach der Vergabe von Forschungsprojekten und -geldern, nach einer Geschlechterquote in medizinischen Studien und v.a. der Verankerung in der Aus- und Weiterbildung gefragt. Gott sei Dank, denn die Patientensicherheit kann z.B. bei Herzinfarkt und Depression bei Unkenntnis seitens der Ärzteschaft gefährdet sein.

 

Gender-Medizin ist eben kein Orchideenfach aus der Kategorie Nice-to-have, wie vielleicht noch an der ein oder anderen Fakultät gehofft werden mag, sondern schlicht eine Weiterentwicklung des medizinischen Wissens, das beiden Geschlechtern zugute kommt. Aktuell mag das Pendel der Erkenntnis etwas stärker in Richtung Frauen ausschlagen, was nicht wirklich verwundern sollte, da bis vor kurzer Zeit und in manchen Lehrbüchern noch immer, der männliche Körper als Benchmark gesetzt und der weibliche Organismus bis auf gynäkologische Aspekte, grob gesagt als dessen verkleinerte Form behandelt wurde/wird. 

Deutschland scheint Österreich und der Schweiz bislang hinterherzuhinken, trotz aller politischen Bekundungen. In Österreich lässt sich bereits seit einiger Zeit ein ÖÄK-Diplom „Gender Medicine“ erwerben und die Universitäten Zürich und Bern bieten zu diesem Thema gemeinsam ein Weiterbildungsstudium an. 

 

Dennoch gibt die Antwort der Bundesregierung Anlass zur Hoffnung. Das BMG hat 2018 einen eigenen „Förderschwerpunkt“ aufgelegt, der die Kriterien des Koalitionsvertrags erfüllt. Auch sieht der Arbeitsentwurf zur neuen Approbationsordnung für Ärzte vor, dass Studierende nachzuweisen haben, „dass sie die Einflüsse des Geschlechts auf die Gesundheit zu bewerten wissen.“ Es wäre wirklich wünschenswert, dass fast 40 Jahre nach den ersten Erkenntnissen zum „weiblichen“ Herzinfarkt, das inzwischen angesammelte Wissen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden prüfungsrelevant und als solches ernst genommen wird. Bleibt zu hoffen, dass dank einer weiteren Institutionalisierung Gender-Medizin – wie andere Behandlungsstandards – zum selbstverständlichen Bestandteil von Diagnose und Therapie würde.

KongressBrief: Editorial (September - Oktober 2019)

Eigentlich wollte ich heute vom diesjährigen World Health Summit berichten und von den Einblicken, die mir die Gesundheitsmnisterin Ugandas, Dr. Jane Ruth Aceng in einem Interview gewährt hat: wie Frauen und Mädchen gefördert werden, wie es kommt, dass der Frauenanteil im Parlament des afrikanischen Landes höher ist als im Deutschen und welche Auswirkungen das alles auf die Gesundheitsversorung in Uganda hat. Das gibt es nun alles in der nächsten Ausgabe, denn der Kommentar in der „Welt“ vom 05.11.19 zwingt, die Denkblockaden vor eigenen Tür zusammen zu kehren. 

Moritz Seyffarth, der auf der ersten Seite zum Thema Rente, Grundrente und Generationenvertrag schreibt, möchte die Generation Friday-for-Future aufrütteln, sich gegen Rentenversprechen der aktuellen Regierung zu stellen. Die Schuldigen sind für ihn schnell ausgemacht: „Ohne eine strenge Bedürftigkeitsprüfung würden stattdessen vor allem Frauen profitieren, die lange in Teilzeit gearbeitet haben. Zumeist konnte sich diese Gruppe ebenjenes Arbeitsverhältnis leisten, weil ihre Ehemänner gut verdienten.“ Das ist stramm und offenbart einen mangelnden Bezug zur Realität. 

 

Jede Statistik zeigt, dass das Klischee der bequem teilzeitarbeitenden „Zahnarztgattin“ auf die wenigsten Frauen zutrifft. Schon jetzt ist Altersarmut überwiegend weiblich. Warum? Weil (immer noch) meist Frauen die Erziehung jenes Nachwuchses übernehmen, der tatsächlich künftig auch um seine Rente bangen muss, wenn nicht geschwind neue Konzepte gefunden werden. Weil meist Frauen die Pflege von Angehörigen übernehmen, über Jahre, ohne Gehalts- oder Lohnzettel. Weil meist Frauen alleinerziehend sind und so nicht ganz freiwillig in Teilzeit landen. Ein vom Sozialverband SoVD in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zum Fazit, dass diejenigen „mit einem geringe­ren Einkommen und einer geringeren Rentenanwartschaft bestraft“ werden, die sich um die Familie kümmern. Viele Frauen möchten zwar aus der Teilzeit, aber der Weg ist seitens des Arbeitgebers häufig verstellt. 

Aber auch die Frauen, die professionell in der Pflege tätig sind, dürften sich über ihren Rentenbescheid nicht freuen....

Schauen wir zurück: Für die Babyboomer-Mütter, die sich nun dem Rentenalter nähern, gab es noch keine Regelungen, die Beruf und Familie unter einen Hut gebracht hätten. In der Diskussion wird zudem oft wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Vereinbarkeitsregelungen nur Frauen beträfen. Zugunsten einer Vollberufstätigkeit haben gut ausgebildete Frauen nicht selten unfreiwillig auf eigene Kinder verzichtet. Die fehlen jetzt.  Das gehört auch zur Wahrheit der anstehenden Demografie-Lücke, die seit 25 bis 30 Jahren vorauszusehen war. 

Aber, wie sähe denn eine volkswirtschaftliche Bilanz aus, die u.a. jene (generationenübergreifende) Arbeit, ohne die eine Gesellschaft nicht auskommt, gerecht einpreist? Externe Betreuung kostet richtig viel Geld, weshalb sich viele Eltern oder pflegende Angehörige dafür entscheiden, die Erwerbsarbeit einzuschränken; häufig sind es die Frauen, die reduzieren, da das Gehalt des Mannes meist kaum eine andere ökonomische Wahl zulässt.

Einen realistischen Lösungsvorschlag bleibt der Kommentator schuldig. Was sollte die Generation „Fridays-for-future“ seiner Meinung nach fordern? Das möchte ich mir lieber nicht vorstellen!

KongressBrief: Editorial (Juni - August 2019)

Beim Durchgehen der Meldungen bleibt Gewalt gegen Frauen leider eine Never-Ending-Story. Der Sommer ist für manches Mädchen oder junge Frau keine gute Jahreszeit; denn kaum beginnen die Ferien, kann einer erklecklichen Anzahl von ihnen mit Migrationshintergrund eine böse Überraschung drohen, nämlich im Heimatland der Familie beschnitten zu werden – mit den entsprechenden physischen und psychischen Folgen, wenn die Betreffende den Eingriff überhaupt überlebt.

 

Zwar droht Personen, die Frauen zum Zweck der Beschneidung ins Ausland bringen, der Entzug des Passes, aber dazu ist es wohl (noch) nicht gekommen?! Wie auch? Wer soll das wie überprüfen? Wird das traumatisierte Mädchen die Kraft haben, seine Familie anzuzeigen und den sichtbaren Beweis zu erbringen? Schwer vorstellbar.

 

Was also könnte getan werden, um diesen Eingriff, überhaupt zu verhindern? Das digitale Kommunikationsinstrumentarium, sei es Internet oder eine App kann zur Aufklärung der potentiell Betroffenen und ihres Freundeskreises beitragen. Wie aber können diese Mädchen sich der unmenschlichen Prozedur entziehen, die in den entsprechenden Communities häufig als identitätsstiftend erlebt werden?

Auch in Deutschland sollte für diejenigen Eltern und die Familie, die dieser Tradition zu folgen bereit sind, sichtbar sein, welche Gefahren und welches Leid mit einer solchen Verstümmelung verbunden sind. In Afrika gibt es derartige Aufklärungskampagnen. Manchmal gilt es, Bewusstsein auf drastische Art zu schaffen, wie die Londonerin somalischer Abstammmung Leyla Hussein, die jungen (männlichen) Muslimen an einer Plastellinvagina die unterschiedlich großen Eingriffe vorführt. Obwohl kein Blut fließt, führt Empathie bei einigen der Teilnehmer zu heftigen Reaktionen. Der Dokumentarfilm „Female Pleasure“ der Filmemacherin Barbara Miller zeigt das sehr eindrücklich.

 

Leyla Husseins bräuchte es auch hier und eine breite Unterstützung auf politischer Seite, dieses Thema öffentlich sichtbar zu machen. Aufklärungskampagnen der BZgA an Bushaltestellen zu Geschlechtskrankheiten sind sicher wichtig, aber das nächste Plakat könnte sich mit ritualisierter Gewalt befassen, die ja nicht dadurch verschwindet, dass man nur in geschlossenen Kreisen darüber spricht. 

Kampagnen helfen. Spanien, ein Land mit ziemlich hohem Maskulinitätsindex, hat die breite öffentliche Diskussion über Gewalt gegen Frauen durchaus gut getan; denn die Zahlen der Opfer sind deutlich gesunken. 

KongressBrief: Editorial (April & Mai 2019)

Auf der freundlich gestalteten Webseite des Bayer-Konzerns ist in Nahaufnahme eine Biene beim Nektarsammeln abgebildet, Windräder vor blauem Himmel und auf grüner Wiese und der Claim: „Biodiversität. Die Bedeutung der Vielfalt“ – von Nachhaltigkeit ist die Rede. (https://www.bayer.de) Angesichts der stark angegriffenen Bayer-Aktie seit der Übernahme von Monsanto, nicht versiegender Negativschlagzeilen und protestierender Aktionäre, stellt sich – nur mal so ganz theoretisch – die Frage, ob der Konzern mit einer größeren Diversität im Vorstand (aktuell 0 Frauen) bzw. im Aufsichtsrat (aktuell rund 27% Frauenanteil) nicht besser gefahren wäre?

 

Anfängliche Zweifel an der Übernahme wurden ignoriert, beiseite gewischt, kurz: der Aussicht auf eine größere Marktmacht auf dem Gebiet der Crop Science und auf glänzende Umsatzzahlen geopfert. Nachhaltig war und ist das nicht. Die vermeintlich harten Fakten und im Voraus antizipierten Zahlen, die mit einem Währungszeichen versehen, zugegeben einen großen Reiz ausmachen, stellen sich als Luftschloss heraus. Die harte Realität der sog. soften Tatsachen, wie z.B. Image und Reputation, Verlässlichkeit und verantwortungsvolles Handeln hat die ein oder andere unternehmerische Kurzsichtigkeit (wider bessere Ratschläge) offen gelegt. Der Imageschaden ist immens und die Reparatur wird lange brauchen.

 

Ob dieses Desaster unter eineR Vorstandsvorsitzenden und einem weiblicheren Vorstand nicht passiert wäre, bleibt Spekulation. Auch Frauen machen Fehler. Die gleichfalls in Zahlen verifizierbare Erfahrung zeigt jedoch, das Unternehmen, die auf Diversität in der Führungsetage setzen, signifikanten Erfolg haben. So zeigen Studien des Petersen Institute for International Economics einen Anstieg um 15 Prozent der Nettoumsätze, wenn die Frauenquote von Null auf 30 Prozent in Führungspositionen ansteigt.

 

Woran liegt das? Die unterschiedlichen Perspektiven und Ansätze, Herausforderungen zu begegnen, führen eben zu einem vollständigeren Bild der Lage, der Tunnelblick weitet sich. Sei es in Kommunikationsprozessen, Mitarbeiterführung, sei es bei der Einschätzung von Risiken und deren Konsequenzen. Einsame Entscheidungen gehören auch nicht zum Standard von Führungsfrauen, wenngleich es natürlich auch einsame „Wölfinnen“ gibt.

Im Gesundheitswesen arbeiten mehr Frauen als Männer im operativen Geschäft, hier sollte diese „Weisheit“ eigentlich doch angekommen sein – und trotzdem ist eine Anhörung erforderlich, um mehr Frauen in Führung innerhalb der Selbstverwaltung zu bringen. Mal sehen wie lange wir hier noch brauchen werden, bis eine geschlechterparitätische Besetzung erreicht ist – ach was red’ ich: 30 Prozentn wäre ja schon mal ein schöner Erfolg.

KongressBrief: Editorial März 2019

Zum Weltfrauentag wird das Thema Gleichstellung von Mann und Frau wie ein weißes Kaninchen flugs aus dem Hut gezogen und in den Medien rauf und runter genudelt. À la Pawlow plädieren beinahe alle für die Gleichstellung der Frau, ohne sie zu definieren. Die Hälfte des Himmels ist treffender und klar. Viele Männer wollen die Hälfte des Himmels nicht abgeben. Schon eine 30% Quote empfinden sie als Karriere-Kastration– nicht zu Unrecht, denn Männer müssen ihren Platz für die Frauen räumen und Familienarbeit übernehmen. Konfrontationen sind deshalb unvermeidbar - Emanzipation ist keine Blümchenwiese. 

 

Thesen, wie dass Bildung der sicherste Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung der Frau sei, mag für Entwicklungsländer noch Geltung haben. In Deutschland sind Frauen besser ausgebildet als Männer, haben aber nicht die Hälfte des Himmels errungen. Betrachtet man islamische Gesellschaften, so findet man oft gut ausgebildete, aber unfreie Frauen. Das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper wird auch hier von vielen immer noch nicht respektiert. Wir akzeptieren frauendiskrimierende Organisationen ohne jedwede Konsequenzen. Wertediskurse fallen bei vielen noch immer zu Ungunsten von Frauen aus. 

 

Schlicht dumm ist das Narrativ von der gläsernen Decke. Wo ist diese Decke gläsern? Sie ist haltbar, fest und gut sichtbar aus altem, römischen Zement. Dieser Zement steckt in den Köpfen, auch in denen von Frauen, die mit dem Patriarchat kollaborieren, weil sie sich einen persönlichen Vorteil davon versprechen, nicht kämpfen wollen, sie Emanzipation nicht interessiert oder weil sie nicht begreifen, dass sie immer noch nicht die gleichen Chancen haben wie Männer. 

Vieles wird auch bei uns totgeschwiegen wie die Beschneidung von Mädchen durch deutsche Mediziner in Deutschland mit dem Argument, das sei sicherer für die Kinder. Frauenhandel und das Kaufen von Frauenkörpern sind an der Tagesordnung, andere Länder wie Schweden und Frankreich sind uns in Sachen gelebter Humanität weit voraus. Dafür müssen auch wir kämpfen. Die Anerkennung der Ausbeutung als Beruf war ein Irrweg. 

 

Frauen werden immer noch wie Männer medikamentiert, schlechter als Männer und falsch behandelt. Der Mann ist stets das Maß aller Dinge. Dagegen wirken Vertreterversammlungen mit nur wenigen Frauen wie eine Petitesse, aber sie zeigen wie in vielen anderen Berufen Männerbündeleien auf. Sind dies etwa die letzten Rückzuggebiete des Patriarchats? Beileibe nicht. Das Patriarchat ist ab ovo eine Herrschaftsform mit strikten Hierarchien, aus Gewalt geboren und auf unterschiedlichen Formen von Gewalt beruhend. Das Patriarchat beherrscht immer noch unsere Gesellschaft, auch wenn dies dessen Profiteure, die Männer zumeist verneinen.  

 

Wenn Frauen sich aus Karrieregründen auf das Patriarchat einlassen ohne die Regeln zu ändern, benehmen sie sich ebenso falsch wie Männer. Dies mag für sie persönlich zum Erfolg führen, macht die Gesellschaft aber nicht humaner und freier. Dies soll und muss auch stets Teil von Emanzipation sein. 

Zusammenschlüsse und Seilschaften von Frauen haben letztlich nicht zum Vorteil für die Mehrheit von Frauen geführt. Hunderte von Frauenbünden (Soroptimisten, Zontas, die Unternehmerinnen, Juristinnen, Ärztinnen, Journalistinnen, Medienschaffende, MomPreneurs, Businesswomen, etc.), haben Seilschaften gebildet und wirtschaftliche Interessen vertreten wie Männer, aber kaum das Frauenbild noch etwas in den Köpfen von Männern verändert.

 

Frauen sollten Revierverhalten und Kungeleien von Männern nicht kopieren, sondern dem Patriarchat offenen Widerstand entgegensetzen und den unverbesserlichen Vertretern des Patriarchats das Wasser abgraben. Die Bilder in den Köpfen sind entscheidend. Mit den Männern, die eine humane Gesellschaft wollen, tun wir uns gern zusammen. Gemischte Teams sind die erfolgreichsten.

Wir müssen uns mit glitzernden Hochzeitskleidern, luxuriösen Reisen, Schmuck und einem Häuschen nicht zufrieden geben. Wir wollen andere Narrative, die Hälfte des Himmels und uns nicht mit nur einigen Leuchttürmen zufrieden geben.

Viel ist erreicht, aber der Weg zu Emanzipation und Freiheit ist lang, steinig und die Hälfte des Himmels muss offenbar wieder und wieder gegen das Patriarchat erkämpft werden.

von Dr. Jutta Visarius, Erstabdruck: 11.03.2019, iX-Highlights

KongressBrief: Editorial (Januar & Februar 2019)

Angesichts steigender Kosten im Gesundheitswesen in einer älter werdenden Gesellschaft, wundert die aktuelle Entwicklung in Sachen Gesundheitsberufe, wundert die schleppende Entwicklung in Sachen digitaler Unterstützung und der z.T. stramme Widerstand, überkommene Hierarchien endlich mal Geschichte sein zu lassen.

 

Hilfreiche Projekte, vorgestellt beim diesjährigen BMC-Kongress in Berlin, zur Betreuung und Versorgung von multimorbiden, meist älteren und hochaltrigen Patienten in den USA und in Kanada verdanken ihr Gelingen u.a. der Fähigkeit und dem Willen über den Tellerrand zu schauen. Aber auch hier musste zunächst echte, fachübergreifende Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten (der ja auch hier stets im Mittelpunkt steht – oder?) geübt werden. Die größten Schwierigkeiten hatten diejenigen im Team, die im hierarchischen Denken verhaftet, Kolleginnen und Kollegen nichtärztlicher Gesundheitsberufe, aus dem Bereich der Pflege, Sozialarbeit,  Psychotherapie und Ernährung, nicht als Partner auf Augenhöhe begreifen konnten, sondern als Zuarbeiter. In erfolgreichen Teams dagegen, die eine gute und effiziente Versorgung liefern und in denen es allen Beteiligten Spaß macht zu arbeiten, gibt es keine Rangunterschiede. 

 

Gerade im Alter sind viele Erkrankungen chronisch, verbunden mit sozialen und psychischen Herausforderungen. Dieses Konglomerat erfordert sehr viel, z.T. sehr unterschiedliche Expertise, greift doch im Alltag der Betroffenen alles ineinander und lässt sich allein medizinisch eben nicht lösen. Eine gute medizinische Betreuung ist eine Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden, die korrekte Lagerung z.B. im Falle der Bettlägerigkeit aber auch. Physiotherapeutische Übungen können helfen, ein Rest Beweglichkeit zu erhalten, was sich auf das gesamte Wohlbefinden auswirkt und damit auf den gesamten gesundheitlichen Zustand, gleiches gilt für eine gesunde Diät, die einem Diabetes Rechnung trägt und den Spaß am Leben nicht verdirbt. Eine psychologische Betreuung oder einfach eine Person zum Reden können in vermutlich vielen Fällen den seelischen Zustand verbessern und damit wiederum den Gesundheitszustand positiv beeinflussen, z.B. im Fall einer drohenden oder vielleicht sogar bestehenden Demenz, die sich durch Einsamkeit ja nicht verbessert. Und für Kundige, die den Weg durch den bürokratischen Dschungel bahnen sind wir ja auch in jüngeren Jahren unendlich dankbar.

 

Erfreulich liest sich vor diesem Hintergrund die Auswertung des "Berufsmonitorings für Medizinstudierende". Die 13.900 befragten angehenden Jungmedizinerinnen und –mediziner, die sich zunehmend mit dem Gedanken der Delegation anfreunden und Interprofessionalität als zentralen Bestandteil zukünftiger Versorung betrachten. 

Vielleicht liegt diese Entwicklung u.a. auch in einer zunehmenden weiblichen Ärzteschaft begründet – wer weiß...?

KongressBrief: Editorial (September & Oktober 2018)

"Gender" lädt (im mildesten Fall) immer noch zum Spott ein und sei es in einer Radio-Kolumne im Inforadio Berlin-Brandenburg. Sportredakteur, Moderator und eben Kolumnist, Thomas Kroh, denkt allgemein über Denuziantentum nach und mokiert sich, wenn es um das Anzeigen sexistischer Werbung geht: "Doch wer bestimmt, was sexistisch ist? Selbsternannte Tugendwächter wie die Leute von PINKSTINKS mit einer Dozentin für Genderforschung an der Spitze?" Immer salopp geschrieben, in trockenem Ton vorgebracht und auf jeden Fall hörenswert, schwingt in diesem Beitrag auch eine gehörige Portion Verachtung mit, die sich nur mit der Wahrnehmung erklären lässt, dass alles wo Gender drauf steht, eigentlich nur Frauenthemen drin sind – also nur "Gedöns", wie es ein früherer Bundeskanzler mal ganz lässig umschrieben hat.

Da es bei Gender-Themen qua Definition tatsächlich um beide Geschlechter geht, nämlich um deren sozio-kulturelle Prägung, sind selbst bei einem Fokus auf Frauenthemen, Männer unbedingter Teil der Betrachtung. Man(n) kann also nicht einfach so tun, und das vermittelt leider die Subbotschaft, des lockerflockigen Seitenhiebs auf PINKSTINKS, als ob Sexismus nur ein Thema überempfindlicher Frauen wäre und die andere Hälfte der Menschheit nichts damit zu tun hätte. Glücklicherweise sieht das ein Jounalistenkollege bei der Süddeutschen Zeitung anders. Matthias Bolsinger konfrontiert sich mit dem alltäglichen Sexismus und staunt, wie selbstverständlich Übergriffigkeiten Frauen gegenüber daher kommen und daher als "normal" betrachtet werden: "Jungs lernen früh, Mädchen als Objekte zu sehen". Bolsinger betrachtet das als kulturelles Defizit.

(Quelle: www.Pixabay.com)

Diese Haltung ist aber noch lange nicht Historie auf die man/frau aus der sicheren Gegenwart zurückblicken kann, wie auf, sagen wir z.B. die Zeit der Hexenverbrennungen. Im Gegenteil. Gefühlt und leider z.T. auch statistisch belegbar, scheinen wir hier gerade Rückschritte zu erleben – z.B. mit einem aktuell amtierenden US-Präsidenten, der Frauen ganz öffentlich als Objekte betrachtet, mit "importierten" Frauenbildern, in Teilen durchaus konform mit mancher einheimischen traditionellen Rollevorstellung, mit einer deutlichen Zunahme an Vergewaltigungsfällen in Deutschland (2017 rund 3.300 mehr als 2016; die Zahl der Fälle mit Todesfolge stieg von 0 auf 12) und schließlich einer Medienlandschaft, in der Frauen Ü30 kaum noch vorkommen und schon gar nicht in Führungspositionen, einer Werbeindustrie, die Klischees bedient. Gerade durch Medien und Werbung werden heute Menschen- und damit auch Frauenbilder manifestiert, die nur durch harte Bewusstseinsarbeit neutralisiert werden können. Das hat wenig mit der von Thomas Kroh angedeuteten Tugendwächterei zu tun, auch wenn gelegentlich über's Ziel hinaus geschossen wird, wie im Umgang mit Eugen Gomringers Gedicht "Avenidas".

Wem die Debatte zuviel wird, was angesichts ihrer permanenten Wiederholung seit rund hundert Jahren, durchaus verständlich ist, sei der Dokumentarfilm "Female Pleasure" von Barbara Miller ans Herz gelegt. Eine Einstellung zeigt, wie muslimischen jungen Männern ganz anders wird, als ihnen an einem überlebensgroßen Kunststoff-Modell eine Klitorisbeschneidung vorgeführt wird. Erst wenn solche Filme nicht mehr nötig sind, dann haben wir es geschafft, dann brauchen wir in dieser Hinsicht keine "Tugendwächter" mehr, dann wird sich auch in der Genderforschung der Fokus verschieben.

KongressBrief: Editorial (Juli & August 2018)

Mit der Forderung nach einer Widerspruchslösung zur Organspende zwingt der Bundesgesundheitsminister jeden Bürger, sich mit den letzten Fragen ernsthaft zu beschäftigen. Statt gegen diejenigen zu moralisieren, die eher eine proaktive Spendenbereitschaft präferieren, wäre eine offene und in Teilen auch (individuell) schmerzliche Debatte ehrlicher. Der Begriff "Spende" im Sinne einer bewussten, freiwilligen Gabe sollte doch auf jeden Organspender zutreffen. So wie es gesellschaftlich zunehmend zum moralisch guten Ton gehört, nach einer fairen Gewinnung und Produktion von Waren zu fragen, so sollte auch die Frage erlaubt sein, wie eine Organspende überhaupt zustande kommt. Auf eine mehr oder weniger unfreiwillige Entnahme, die z.B. auch an deutschen schwerverletzten Touristen (ohne Organspendeausweis) z.B. in Österreich schon jetzt vorgenommen werden darf, träfe eher der Begriff des "Organraubes" zu. Vor der Entscheidung noch zu Lebzeiten zugunsten einer Entnahme, sollte man sich mindestens genauso detailliert mit den Konsequenzen auseinandersetzen wie mit denen eines Kreditvertrags bei einem Hauskauf.

Angefangen mit der Erklärung auf dem Organspendeausweis: "Für den Fall, das nach meinem Tod...". Diese Formulierung legt zunächst die naive Vorstellung nahe, dass der eigene Körper als mausetote Leiche in einem Kühlfach aufbewahrt wird. Korrekter und ehrlicher wäre der Begriff "Hirntod"; laut Wikipedia eine Todesdefinion, die ihren Ursprung um 1968 in den Anfängen der Transplantationsmedizin hat. Der Mensch ist eben noch keine Leiche, da die notwendigen Lebensfunktionen künstlich aufrecht erhalten werden müssen, um die Organe nicht "sterben" zu lassen. Wo verläuft aber nun die Grenze des Lebens zwischen einem schweren Koma und einem "Hirntoten"? Welche Gehirnströme ließen sich messen, bei einem Komapatienten, der gleichfalls jahrelang an Maschinen angeschlossen war und der, allen Erwartungen zum Trotz, wieder aufgewacht ist? Ist eine hirntote Schwangere, deren Vitalfunktionen maschinell aufrecht erhalten werden und die ein lebendes Kind zur Welt bringt, tot? Vielleicht sollten auch Hospizpflegerinnen und –pfleger in die Debatte miteinbezogen werden, denn nur wenige dürften in unserer Gesellschaft über so viel Erfahrung mit dem Sterbeprozess verfügen. Wenn klar ist, dass die Organe während des Sterbens entnommen werden und eben nicht einer kalten Leiche und wenn dann noch annähernd (wieder) gewusst wird, was Sterben heißt, dann erst kann eine bewusste Entscheidung gefällt werden, in der Hoffnung, einem anderen Menschen mit der Spende eines eigenen Organs das Weiterleben zu ermöglichen. Noch schwerer haben es Angehörige, die einen geliebten Menschen durch einen Unfall unvermittelt verlieren. Sie stehen unter Schock und dürften nur bedingt entscheidungsfähig sein, zumal wenn sie sich noch dem Druck pro Spende ausgesetzt sehen. Für manche Betroffene ein lebenslanges Trauma, da hilft auch die Vorstellung nicht, dass ein Empfänger mit dem Organ des Sohnes oder der Schwester weiterlebt, zumal es wahrscheinlich nie zu einer Begegnung kommen wird – denn Organe werden anonym vergeben. Auch das sollte klar sein.

Wie sieht es aber mit den ökonomischen Anreizen aus. Zur Zeit werden nicht alle potentiellen Organspender gemeldet, da die Vorbereitung eines Spenders und die Entnahme eines Organs aufwendig und kostenintensiv ist. Wie ist eventuellen "Unregelmäßigkeiten" vorzubeugen, wenn sich die Anreizsysteme verändern und genau diese Leistungen nun lukrativ vergütet werden? Muss ich, schwerverletzt, fürchten, vom Patienten zum Organreservoir degradiert zu werden? Wie akribisch wird im Chaos eines Unfalls nach meinem Organspendeausweis gesucht, wenn keine Angehörigen in der kurzen Entscheidungszeit aufzufinden sind? Was passiert, wenn der Ausweis zerstört ist? Wer bezeugt und respektiert ein angekreuztes "Nein"? Wo sind diese Angaben ggf. noch hinterlegt und müssen zwingend abgefragt werden? All das sollte geklärt werden und v.a. in Deutschland offen diskutiert werden dürfen, um das Vertrauen in die Bedeutung des Artikel 1 im Grundgesetz zu erhalten.

KongressBrief: Editorial (Juni 2018)

Mehr Pflegepersonal braucht das Land. Jens Spahn will 13.000 zusätzliche Stellen schaffen und wird vor den Türen der Gesundheitsministerkonferenz von demonstrierenden Alten- und Krankenpflegern und –pflegerinnen ausgepfiffen; denn das scheint ihnen nur ein Tropfen auf den sehr heißen Stein. Rund 80.000 Pflegekräfte fehlen laut Verdi tatsächlich. Dem Pflegenotstand in einer Legislaturperiode auch nur annähernd beizukommen, wäre ein sagenhaftes Herkuleswerk des Bundesgesundheitsministers; denn wo das Personal hernehmen – und wo das Geld? Die verbummelten Jahre holt keiner zurück. Die zunehmende Ökonomisierung des Krankheitsbetriebszieht Mangel nach sich: an Personal, an abnehmender Motivation der unmittelbar an der medizinischen Versorgung Beteiligten. Ökonomischer und damit zeitlicher Druck, Überlastung, wenig Wertschätzung, und – im Falle des Pflegepersonals – wenig Geld bieten kaum Anreize den Pflegeberuf, v.a. den der Altenpflege bewusst zu ergreifen. Aber auch für junge Ärzte und besonders Ärztinnen dürfte die Arbeit in einer Klinik auf Dauer immer weniger attraktiv sein. In persönlichen Gesprächen bzw. in einer auf Spiegelonline veröffentlichten Beschreibung des Klinikalltags einer Ärztin in Weiterbildung wird offenbar, dass es häufig an Strukturen fehlt, die eine zufriedenstellende Ausübung des Berufs überhaupt erst erlauben und (hier sind eben immer noch überwiegend Frauen betroffen) die Privat- bzw. Familienleben nicht noch zusätzlich zur Belastung werden lassen. 

Aufgeladene Begriffe wie Wettbewerb oder Qualität, verkommen zu Buzzwords, wenn sie nicht an der Realität gemessen werden. In BWL-Lehrbüchern sind sie fester Bestandteil des Vokabulars, auf den geduldigen Webseiten der meisten Unternehmen auch; kommt es jedoch zum Schwur, muss bewiesen werden, was Qualität eigentlich meint. Das ist bei einem Autobauer etwas anderes als bei einem Hotel. Dokumentation ist eben nicht Qualität, wenn z.B. die Abgaswerte trotzdem nicht stimmen oder es mit der Hygiene in derHotelküche doch nicht so klappt. Tatsächlichen Qualitätsmängeln gehen entweder profunde Schlampereien voraus und/oder gesteigerte und sehr eindimensionale Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit. Liegt der Fokus allein auf der Reduktion von Kosten, auf Einsparung hauptsächlich von Personal und nicht auch auf kluger Investition, ist irgendwann das "Produkt" auch weg. (Aktuell sehr anschaulich bei der Bahn zu beobachten, die mit fehlenden Lokführern und in Folge ausfallenden Zügen zu kämpfen hat). Die Wirtschaft ist hier einen Schritt weiter. Große Unternehmen investieren zunehmend in ihr Personal, sei es in betriebliche Gesundheitsförderung, Weiterbildung oder Arbeitszeitmodelle, die auch den Anforderungen aus anderen Lebensbereichen Rechnung tragen. Ein gutes Gehalt allein reicht in vielen Fällen nicht mehr bzw. steht in der Werteskala bei vielen Arbeitnehmerinnen und –nehmern nicht an erster Stelle – wenn es denn zum Leben reicht. Aber auch für Maßnahmen zur Förderung und Bindung von Mitarbeitern muss Geld in die Hand genommen werden, damit weiterhin welches mit motiviertem und gesundem Personal verdient werden kann. Im 24/7/365-Betrieb eines Krankenhauses, wo Fehler irreparable Folgen haben oder tödlich enden können, sollten solche Investitionen in und für Personal  eigentlich keine Frage sein. Man/frau darf gespannt auf die Strukturveränderung sein.

KongressBrief: Editorial (Mai 2018)

Ein langes Leben ist offenbar nicht alles. Auf die Qualität der Lebensjahre kommt es an und die scheint bei Frauen im Gegensatz zu Männern im europäischen Durchschnitt niedriger zu sein. Die Universität Barcelona erstellte mit ihrer Analyse eine Art Glücksbarometer europäischer Frauen.  In der Schweiz und Dänemark fühlt sich das weibliche Geschlecht auch mit zunehmendem Alter noch am wohlsten. Im südlichen Europa sieht es weitaus weniger rosig aus. Am schlechtesten in Portugal, was den subjektiven Urlaubsassoziationen der Nordeuropäer widersprechen mag. Das schöne Wetter kann die wirtschaftliche Misere an der die Südeuropäerinnen augenscheinlich schwerer zu tragen haben als ihre Lands-Männer nicht auffangen. Hier sind Schweizerinnen und Däninnen im Vorteil, ebenso bei der Qualität der gesundheitlichen Versorgung. Ein Leben im Alter mit beschränkten finanziellen Mitteln, die sich mit der Zunahme an Jahren immer schwerer mithilfe von Nebenjobs aufbessern lassen und eine nicht ausreichende Gesundheitsversorgung, wäre wohl auch für die meisten Männer nicht besonders verlockend. 

Diesem „Glücksbarometer“ steht auf der anderen Seite eine rund dreimal höhere Suizidrate bei Männern gegenüber – nicht nur in Deutschland. Die deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) warnte bei ihrer Jahrestagung im letzten Jahr, dass die Selbstmordrate vor allem bei hochbetagten Männern bis zu fünfmal höher über der der Normalbevölkerung liegt. Tendenz – mit zunehmender Zahl an Hochbetagten in der Bevölkerung – steigend. 

Eine traurige Bilanz, die in die Diskussion um eine bessere Versorgung im Alter stärker einfließen sollte. Die Parameter für die Bewertung der eigenen Lebensqualität scheinen bei Männer und Frauen doch sehr ähnlich zu sein: wirtschaftliche Sicherheit, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, d.h. die Vermeidung von Einsamkeit und natürlich eine passable gesundheitliche Versorgung. Abzuwarten bleibt, inwieweit das Thema Lebensqualität im Alter mit der in die Jahre kommenden Babyboomer-Generation in den allgemeinen Fokus rücken werden?

Wir sollten vielleicht schon mal beginnen, hier über neue Konzepte des Älterwerdens nachdenken, die über Fragen zu Pflege, ärztlicher Betreuung und der richtigen Versorgung mit Medikamenten weit hinausgehen – und möglicherweise sogar präventiv wirken könnten. Ein zufriedener Mensch, Frau oder Mann, bleibt einfach länger gesund. 

KongressBrief: Editorial (April 2018)

Heute mal in Sachen Frauenquote der Blick über den Tellerrand, genauer gesagt: über die Bordwand einer 65 Fuß (20 m) Rennyacht. Sieben Yachten der gleichen Bauart segeln beim Volvo Ocean Race um die Welt, so schnell sie können, ca. 14 bis 20 Tage am Stück, von einem Zielpunkt zum nächsten. Dann gibt es eine kurze Pause zur Regeneration von Crew und Schiff. 

Seit 1973 gibt es dieses Rennen, das immer mehr professionalisiert, immer teurer wurde und den Seglern und bislang wenigen Seglerinnen (bisheriger Frauenanteil: ca. 5 Prozent) immer mehr abverlangt – physisch und psychisch. Bislang wurden nur zwei reine Frauencrews gesponsort, die zwar Achtungserfolge für sich verbuchen konnten, aber nicht wirklich konkurrenzfähig waren, fehlten Ihnen doch die Erfahrungen der männlichen Kollegen; die sie wiederum nicht sammeln konnten, mangels Gelegenheit, da mangels Erfahrungen wieder die Gelegenheiten fehlten. Nach dem Motto: "Ein Loch ist im Eimer, liebe...". 

Jetzt segeln Frauen auf allen Schiffen mit und zwar nicht als "Exotinnen"; denn für das Volvo Ocean Race 2017/2018 hat sich die Rennleitung einen besonderen Kniff ausgedacht: die Skipper waren frei, sich ihre Crew selbst zusammen zu stellen. Erlaubt ist also auch eine reine MaNNschaft, eine "Frauenquote" gibt es nicht. Entschieden sich die Schiffsführer, Profiseglerinnen mit an Bord zu nehmen, konnten sie die karge Besetzung von sieben Mann um ein bis zwei Frauen ergänzen, hatten also zwei bis vier Deckshände mehr an Bord. Ein Schiff, unter der Skipperin Dee Caffari, segelt mit einer 50:50 Besetzung und hat 10 Leute an Bord. Jede Deckshand zählt, denn die äußeren Arbeitsbedingungen sind für alle gleich: z.T. Windgeschwindigkeiten bis zu 40 Knoten (74 km/h), Wellenhöhen bis zu fünf oder sechs Metern, einer Bootsgeschwindigkeit von ca. 25 Knoten (rund 46 km/h) (das alles ist sehr, sehr schnell auf dem Wasser), überkommende Wellen überall, immer, 24/7. Bei jedem Manöver, also wenn das Boot seine Richtung ändert, müssen riesige und damit schwere Segel und sonstige transportable Teile umgelagert werden, unabhängig ob man/frau gerade Pause hat und auf der unbequemen Pritsche unter Deck im Tiefschlaf ist – alle müssen ran. Man/frau kann nicht aussteigen, häufig vorkommende Unfälle können dazu führen, dass einer oder eine ausfällt und die anderen die Arbeit übernehmen müssen – auf einem Schiff kann nichts "liegen bleiben". Bouwe Bekking, ein Volvo Ocean Race-Veteran, revidierte seine anfängliche Skepsis und machte eine seiner weiblichen Crewmitglieder, Abby Ehler, aufgrund ihrer technischen Expertise und ihrer Arbeitsweise zum "Boat Captain". David Witt, der zunächst keine Frau mitsegeln lassen wollte und die neue Regelung als "soziales Experiment" bezeichnete, verdankt seiner später an Bord genommenen Navigatorin, Libby Greenhalgh, einen Etappensieg. 

Hier ist Überzeugung ganz ohne Quote gelungen – vorerst. Mit dem Bonus, den die Skipper nutzen konnten, wenn sie Seglerinnen anheuerten, hatten diese Frauen Gelegenheit, ihre Expertise einzubringen, also zu zeigen, was sie können und andererseits Erfahrungen zu sammeln. Keine Sonderbehandlung, aber eine faire Chance im gemischten Team zum Sieg beizutragen. Das wünscht frau (man) sich auch in anderen Bereichen an Land. 

KongressBrief: Editorial (März 2018)

Eigentlich könnte ich an dieser Stelle das Editorial des letzten Jahres zum Equal Pay Day und Weltfrauentag per Drag and Drop einsetzen. Der Lohnunterschied zwischen arbeitenden Männern und Frauen ist immer noch beachtlich, oft auch innerhalb gleicher Berufgruppen und bei gleicher Qualifikation. Und doch ist etwas anders als im letzten Jahr. Ein Berufsfeld, auf dem nach wie vor überwiegend Frauen tätig sind, rückt in seiner Bedeutung allmählich ins öffentliche und politische Bewusstsein. Das Thema Pflege steht auf der gesundheitspolitischen Tagesordnung und zwar ganz oben. Der frisch gebackene Gesundheitsminister Jens Spahn hat den Pflegnotstand medienwriksam zur Chefsache gemacht und trägt damit dem Rechung, was die Spatzen schon seit Jahren von den Dächern nicht nur pfeifen, sondern schreien. 

Die häufig aus Wirtschaft und Industrie zu hörende Argumentation, dass Frauen an der Lohnlücke meist selbst schuld seien, da sie schlecht bezahlte Berufe wie z.B. die Altenpflege (und dann auch noch in Teilzeit) den gut bezahlten vorzögen, setzt auf die Fortschreibung von tradierten Strukturen, in denen meist der weibliche Bevölkerungsanteil für die weniger produktivitätsorientierten Aufgaben innerhalb einer  Gesellschaft zuständig war – und meist immer noch ist. Aber die Zeiten, in denen Frauen entweder unentgeltlich oder eben gering bezahlt, die Pflege von kranken bzw. pflegebedürftigen Menschen übernehmen und selbstverständlich auch die Erziehung von Kindern gehen allmählich zu Ende. Der Mangel an Pflegekräften spricht eine deutliche Sprache. Inzwischen fehlen auch zunehmend qualifizierte Geburtshelferinnen und –helfer, was ebenfalls von Missmanagement an der Versorgungsfront zeugt. 

Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Arbeit am und mit dem Menschen in der kollektiven Wahrnehmung von Betriebs- und Volkswirtschaftlern nicht mehr geringer eingestuft wird als die Arbeit an und mit Maschinen – oder, um im Dienstleistungsbereich zu bleiben: z.B. mit Finanzprodukten. Um so erfreulicher, dass der gelernte Bankkaufmann Jens Spahn einen Anfang macht und Pflege u.a. auch finanziell besser würdigen will. Pflege als eigene Leistung aus den Fallpauschalen herauszunehmen und über ein Pflegehonorar abzurechnen, ist ein Schritt in Richtung Anerkennung. 

Natürlich stellt sich die Frage: Wer soll das bezahlen? Die Krankenkassen und damit die Beitragszahler, die Angehörigen von Pflegebedürftigen oder wer – konkret? Werden möglicherweise über die neuen Abrechnungsmechanismen auch falsche Anreize geschaffen? Trotz berechtigter Bedenken, kann die Situation nicht so bleiben. Vielleicht sollte der volkswirtschaftliche Nutzen guter Pflege und guter Kinderbetreuung mal konsequent durch gerechnet werden, um den Wert "schlecht bezahlter" Berufe einschätzen zu können. Es wird Zeit, die Köpfe aus dem Sand zu ziehen.

KongressBrief: Gast-Editioral (Februar 2018)

Die gesetzliche Krankenversicherung ist eine Veranstaltung für Männer und Frauen. Dank einer Kleinen Anfrage der Grünen wissen wir nun, dass zwar die GKV für Männer und Frauen da sein mag, dass sie aber nahezu ausschließlich von Männern gestaltet wird. Patientinnen und Patienten zum Trotz. Nun könnte man anführen, so ist halt die Welt (noch), und wenn´s um, sagen wir, die Versorgung mit Dachlatten ginge, wär´s ja vielleicht auch nicht so wichtig, aber gerade in der Medizin und im Gesundheitssystem wissen wir nun mal, dass die Bedürfnisse und Bedarfe von Männern und Frauen sich grundsätzlich unterscheiden. Das fängt ganz manifest bei physiologischen Tatsachen an, hört aber beim unterschiedlichen Behandlungsanspruch von Ärztinnen verglichen mit Ärzten nicht auf. Dachlatte ist Dachlatte, aber der Herzinfarkt einer Frau ist halt etwas grundlegend anderes als der Herzinfarkt eines Mannes. (30 Jahre hat´s übrigens gebraucht, bis sich diese Erkenntnis von ihrer ersten Formulierung bis in die aktuellen Leitlinien durchgesetzt hat.)

Tatsächlich also ist die paritätische Berücksichtigung geschlechterspezifischer Belange in der Medizin nicht nur nice to have, sondern buchstäblich eine Sache von Leben und Tod. In den Strukturen des Gesundheitssystems mag das nicht gar so dramatisch sein wie in der Medizin selbst, es sei aber doch der Hinweis erlaubt, dass die KBV und das KV-System insgesamt aktuell ein Erwerbstätigkeitsmodell in den niedergelassenen Versorgung propagieren (nämliche die inhabergeführte, wirtschaftlich selbständige Einzelpraxis) von dem wir schon lange wissen, dass es der überwiegend weibliche medizinische Nachwuchs nicht präferiert. Könnte dies vielleicht auch damit zusammenhängen, dass die Vertreterversammlungen der KVen allenfalls zu 25 Prozent aus Frauen bestehen? (Noch schlimmer sieht es übrigens bei den Zahnärzten aus!)

Sorry, aber da mutiert die stilistisch widerborstige „gendergerechte Sprache“ zum Feigenblatt. Arztinnen und Ärzte auf dem Papier sind mir ziemlich schnurz, „entscheidend is’ auf’m Platz“, wie schon der Fußballer und Fußballtrainer Adi Preißler wusste. Will sagen: Wir sollten uns nicht von linguistischen Nebelkerzen davon ablenken lassen, dass in der Versorgungsrealität keineswegs alles in Ordnung ist, sondern endlich wirkungsvolle Maßnahmen ergreifen, um gerade in unserem Gesundheitswesen zu einer längst fälligen geschlechtergerechten Parität zu kommen. Schon der letzte Koalitionsvertrag (also nicht der aktuelle) sprach blumig davon, man wolle „die jeweiligen Besonderheiten berücksichtigen, die sich aus der Frauen- und Männergesundheitsforschung (...) ergeben“. Passiert ist indes ­– nichts. Und das liegt unter anderem daran, dass politische Pläne im Gesundheitswesen unverbindliche Absichtserklärungen bleiben, solange sie auf der Umsetzungsebene der Selbstverwaltung nicht auf Widerhall treffen.

Hilft also am Ende doch nur das „Erlkönig-Prinzip“? Es wäre politisch jedenfalls eine leichtes, die Selbstverwaltung nach dem Motto „Und bist Du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt“ dazu zu zwingen, nach einer Übergangsfrist von, sagen wir, 5 Jahren, in ihren jeweiligen Verwaltungsinstitutionen einen Geschlechterproporz von beispielsweise 40:60 umzusetzen? Das wäre vermutlich wirkungsvoller als alle blumigen Absichtserklärungen. Und anfangen könnte man ja mal mit den Verwaltungsräten der Krankenkassen, schließlich tönen sie ja immer besonders vollmundig für alle Versicherten zu sprechen und zu handeln.

Dr. Albrecht Kloepfer | iX-Institut für Gesundheitssystem-Entwicklung

KongressBrief: Editorial (Januar 2018)

Interview mit Prof. Dr. Dr. Ilona Kickbusch und Dr. Sabine Ludwig      

Am 12. Januar 2018 fand der Launch zum Verzeichnis "Women in Global Health – Germany" in Berlin statt, einer Liste, die Frauen aufführt, die im Bereich globale Gesundheit tätig sind, viele von Ihnen in Führungspositionen. Warum brauchen wir eine solche Liste?

Frauen stellen im Durchschnitt weltweit 67 Prozent der Global Health Workforce dar, aber nur 25 Prozent von ihnen sind in Führungspositionen vertreten. Bei den Vereinten Nationen sind nur 23 Prozent der Führungskräfte Frauen und bei den globalen Gesundheitsinitiativen nur 17 von 74 Führungskräften weiblich; aber zu 70 Prozent der Männer entscheiden über Finanzierung und der Verteilung von  Res-sourcen. Wir sprechen über ein Budget von bis zu 92,1 Billionen Dollar. Außerdem sind auf vielen Diskussionspanels zur globalen Gesundheit vorwiegend Männer vertreten.

Wie kam es zu der Initiative?

2014 wurde von Ilona Kickbusch am Graduate Institute of International and Development Studies Genf  eine Twitter Kampagne gestartet und Namensvorschläge von Frauen gesammelt, um Frauen, die in Global Health tätig sind, mehr Sichtbarkeit zu geben. Die Liste der 100 Women Leaders in Global Health konnte im Dezember 2014 vorgelegt werden. Nach einer Veröffentlichung in The Lancet folgten weitere Nominierungen, so dass 2015 eine Liste von 300 Frauen erstellt wurde. In diesem Zeitraum wurde die Initiative „Women in Global Health - A Movement for Gender Equality in Global Health Leadership“  unter anderem von Dr. Roopa Dhatt gegründet, um Frauen in Führungspositionen in der globalen Gesundheit zu unterstützen und auf diese Weise zur Verbesserung der Gesundheit weltweit beizutragen. Um sich besser vor Ort zu vernetzen, sollten schließlich regionale und nationale Listen entstehen. Diese Idee haben wir aufgegriffen und im Juli 2017 in Berlin zu einem Treffen eingeladen, um die Gründung einer Initiative „Women in Global Health – Germany“ WGH-GER zu be-raten; denn Deutschland spielt eine immer bedeutendere Rolle in der globalen Gesundheit und es gilt sicherzustellen, dass Frauen zu dieser Entwicklung entscheidend beitragen können.

Nach welchen Kriterien sind Sie bei der Erstellung vorgegangen? Welche Bereiche sind hier aufgeführt?

Eine Gruppe von Frauen in Berlin, die im Bereich der globalen Gesundheit tätig sind, wurde etabliert. Als erstes ging es darum, Namensvorschläge zu sammeln, um eine Basis für ein Netzwerk von Frauen in Global Health in Deutschland zu bilden. Die so entstandene Liste umfasst Frauen aus Deutschland, die international in Global Health tätig sind und solche, die in der globalen Gesundheit in Deutschland arbeiten und mindestens über eine zweijährige Berufserfahrung in diesem Bereich verfügen. Die Frauen kommen aus sehr unterschiedlichen Fach-gebieten: aus dem akademischen Bereich, aus Wissenschaftszentren, Stif-tungen, Nichtregierungsorganisationen, internationalen Organisationen, Ministerien und aus dem Privatsektor. Gerade diese Breite macht es so spannend.

Was versprechen Sie sich von dieser Liste? Welchen Einfluss soll sie z.B. in der Personalpolitik von Organisationen oder Industrie im Gesundheitssystem haben?

Die Liste ist ein Beitrag, die Sichtbarkeit von Frauen in Global Health zu stärken und die Vernetzung der Listenteilnehmerinnen zu fördern. Das geschieht bereits und auch die Veranstaltung am 12. Januar 2018 hat dazu beigetragen. Das Aus-wärtige Amt benutzt die Liste bereits aktiv im Hinblick auf Namen von Frauen für Positionen in internationalen Organisationen. Die Liste soll zudem Veranstaltern helfen, die Anzahl von Frauen auf Panels und als Rednerinnen zu erhöhen – die Ausrede "es gibt keine Frauen" gilt ab jetzt nicht mehr. Arbeitgeber und Head Hunter sollen bei Stellenbesetzungen sowie Universitäten bei Berufungen unter-stützt werden. Studentinnen können mit Hilfe der Liste Mentorinnen finden. Auf die-se Weise hoffen wir, einen Beitrag zur Erhöhung des Anteils der Frauen in Füh-rungspositionen im Bereich Global Health leisten zu können. Der nächste wichtige Schritt ist jedoch die Zusammenstellung der verschiedenen Aktionen und Arbeits-felder, die auf dem ersten Netzwerktreffen vorgeschlagen wurden. Man wird noch viel von dem Netzwerk hören - es wird sich einmischen.

 

Zum PDF-Download: http://www.womeningh.org/germany-chapter

KongressBrief: Editorial (Dezember 2017)

Bevor es wieder richtig losgeht, möchte ich Ihnen erstmal das Allerbeste für das Jahr 2018 wünschen: eine stabile Gesundheit, erfolgreiche Projekte und viele frohe Stunden!!

Und jetzt geht's los. Zu Jahresbeginn freuen wir uns über Studien und Statistiken, die Entwicklungen des letzten Jahres in plastische Zahlen fassen. Und hier lässt sich erstaunlicherweise erkennen, dass Frauen zwar nach wie vor länger leben, aber dass sie im Gegensatz zu Männern scheinbar kränker werden. Frauen überholen bei Krebserkrankungen mit einer Zunahme von neun Prozent ihre männlichen Leidensgenossen, die mit sechs Prozent der Neuerkrankungen zu Buche schlagen. Zum einen scheint die höhere Lebenserwartung, der wir uns insgesamt erfreuen können, ihren Tribut auf diese Weise zu fordern, zum anderen sind wohl auch veränderte Lebensgewohnheiten bei Frauen für eine höhere Erkrankungsrate verantwortlich. Genannt sei an dieser Stelle z.B. das Rauchen.

Brustkrebs steht bei Frauen erwartungsgemäß mit 66.000 Neuerkrankungen an trauriger erster Stelle. Wie sind diese Zahlen aber nun einzuschätzen, wenn im Britischen Ärzteblatt zu lesen ist, dass das Mammographiescreening doch häufiger zu einer Diagnose führt, wo sie nicht angebracht ist? Laut des International Prevention Research Instituts in Lyon sind fast sechzig Prozent der untersuchten Frauen von einer "Überdiagnose" betroffen und damit natürlich von einer entsprechenden Therapie, die nicht oder nicht so erforderlich ist.

Beim Alkoholmissbrauch ist die männliche Jugend augenscheinlich zurückhaltender gewesen als die weibliche. In Nordrhein-Westfalen mussten weniger Jungen mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden; dagegen drei Prozent mehr Mädchen. Interessant wäre eine Untersuchung mit welcher Art Alkohol sich die männliche und weibliche Jugend "die Kante" gibt, um präventiv diese Zielgruppe zu erreichen. Ist es die kreisende Wodkaflasche oder sind es schicke Cocktails? Handelt es sich um missverstandenen Lifestyle oder um ein Initiationsritual oder...?

Ältere Frauen halten es nach wie vor kaum für möglich, dass die Diagnose "Herzinfarkt" auch auf sie zutreffen könnte. Das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislaufforschung und das Helmholtz Zentrum München begründen die verzögerte Ankunft von Frauen über 65 in der Notaufnahme psychologisch und machen "falsche Bescheidenheit" dafür verantwortlich. Hier scheint es trotz der Erkenntnisse der vergangenen Jahrzehnte noch immer an der nötigen Aufklärung zu fehlen, die doch leicht durch Hausarzt oder Hausärztin erfolgen könnte – v.a. wenn Frauen nachgewiesenermaßen häufiger zum Arzt gehen.

 

Inwieweit sich diese Zahlen (zum besseren) verändern werden, wird sich nächstes Jahr um diese Zeit zeigen.

 

 

 

KongressBrief: Editorial (November 2017)

Was assoziieren Sie, liebe Leserin, lieber Lesser, wenn Sie an "Werbung" denken? Wahrscheinlich: bunt, laut, aufdringlich, um in der Flut der Angebote überhaupt zum Konsumenten, zur Konsumentin durchzudringen?! Das Amtsgericht Gießen verurteilte nun Kristina Hänel, Fachärztin für Allgemeinmedizin, zu 6.000,- € Strafe, auf Grundlage von Paragraph 219a des Strafgesetzbuchs, der die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche ausdrücklich verbietet.  Die Internetseite Hänels, die Auskunft über das Leistungsspektrum gibt, führt unter der Rubrik "Frauenmedizin" u.a. "Schwangerschaftsabbruch" auf. Diese Zeile ist verlinkt und leitet weiter zu einem recht unspektakulären Formular für den Eintrag der eigenen e-Mail-Adresse, um eine Informationsbroschüre zugeschickt zu bekommen. Zusätzlich lässt sich ein Häkchen bei der Wahl der Sprachen anbringen: deutsch, englisch oder türkisch. Schließlich weist noch ein Satz darauf hin, dass die e-Mail-Adresse nur zum ein-maligen Versand der Broschüre verwendet und nicht gespreichert wird. Werbung geht anders!

Googelt man "Abtreibung", öffnet sich eine Liste: zuerst ein Wikipedia-Eintrag, mit der Definition des Begriffs, gefolgt von der Webseite baby-und-familie.de, betrieben von der Apotheken Umschau. Versetzen wir uns in die Lage einer (jungen) Frau, die ungewollt schwanger ist und sich psychisch nicht im stabilsten Zustand befindet, vielleicht (je nach familiärem bzw. kulturellem Hintergrund oder sozialer Lage) sogar verzweifelt ist. Sie möchte also möglichst anonym und v.a. schnell Informationen über eine kompetente Anlaufstelle, die drängenste Fragen rasch beantwortet und einen Weg aufzeigt – und später vielleicht sogar Perspektiven für das Austragen des Kindes.  Sie möchte sich gewiss nicht durch die komplex for-mulierte Prosa von baby-und-familie fädeln, die ihr den moralischen Zeigefinger in Wort und Bild auf die Brust setzt. Die in der Google-Liste weiter unten aufgeführte Seite Abtreibung.de bietet wenigstens das direkte Gespräch an, ohne Drohkulisse der gesetzlichen Regelung und der impliziten Unterstellung, sich schon beim googeln des "Mordes" schuldig zu machen. Hänels Angebot, sich zu informieren, wirkt sachlich kühl, aber eben nicht unbeteiligt, da sie als Medizinerin persönlich für Erfahrung steht. Dennoch: der Paragraph 219a ist eindeutig.

Pikant, dass Günter Annen die Allgemeinmedizinerin angezeigt hat. Als aggres-siver Abtreibungsgegner ist er v.a. durch seine Webseite babycaust.de berühmt berüchtigt. Die Assoziation zu Holocaust ist Programm und die recht dilettantisch gestaltete Seite nur etwas für starke Nerven bzw. Geübte; denn neben einer schwarzen Liste, die Ärzte führt, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, werden entsprechende Fotos für den moralisierenden Appell missbraucht.

Die Welle der Empörung, die sich nun analog und digital Bahn bricht, zeigt, dass augenscheinlich dringender Diskussionsbedarf wengistens zum Paragraphen 219a besteht. Ein Schwangerschaftsabbruch darf Verhütung nicht ersetzen und sollte nur allerletzte Option bleiben. Das ist wohl den meisten Frauen bewusst. Das Internet ist für diejenigen, die sich noch niemandem offenbaren wollen oder können erste Informationsquelle. Hier aber gilt es, sich zu den Hilfsangeboten erst einmal robust durchwühlen. (Unter dem Begriff "Geschlechtskrankeiten" geht das schneller). Wie wäre es denn mit einem zentralen Angebot der Beratungsstellen oder gar der BZgA, das stets als erster Google-Eintrag auftaucht? Es wäre konsequent, um die nun als Straftat verurteilte "Werbung" überflüssig zu machen.

KongressBrief: Editorial (Oktober 2017)

Also, die Sondierungsgespräche zu Gesundheit und Pflege sind durch. Abgesehen von ein paar Allgemeinplätzen, denen nun wirklich keiner widersprechen kann und wird, ist noch nicht viel herausgekommen. Jamaika hin oder her, auf den Koalitionsvertrag nicht nur zu diesem Thema darf man gespannt sein. Und was wird wohl für eine geschlechtersensible Medizin herauskommen, die eigentlich als State-of-the-art in der Versorgung angekommen sein sollte? In der letzten Legislatur haben CDU/CSU und SPD 2013 immerhin die folgende Absicht im Koalitionsvertrag formuliert: „Wir wollen die jeweiligen Besonderheiten berück-sichtigen, die sich aus der Frauen- und Männergesundheitsforschung insbe-sondere für die gesundheitliche Versorgung und die Erarbeitung von medi-zinischen Behandlungsleitlinien ergeben.“ (Koalitionsvertrag S. 82)

 

In Baden-Württemberg einigen sich Bündnis 90/ Die Grünen und die CDU 2016 auf eine Präzisierung: "Gesundheitsverhalten, Erkrankungen, Reaktionen auf Medi-kamente und Symptomatiken sind geschlechtsspezifisch. Wir werden daher die geschlechtsspezifische Gesundheitsforschung ausbauen, das Differenzbewusst-sein an medizinischen Fakultäten fördern, eine geschlechtsspezifische Gesund-heitsberichterstattung einführen und unabhängige Beratung fördern." (Koalitionsvertrag S. 88)

 

 

Ich wiederhole, wir dürfen gespannt sein. Mit Blick auf die Entwicklung bedarf es für die Implementierung  einer Medizin, die geschlechtsspezifische Aspekte be-rücksichtigt, noch einiger Ermutigung in Teilen der Selbstverwaltung. Leitlinien, Aus- und Weiterbildung sind durchaus noch nicht so standardisiert, wie man/frau es sich wünschen würde.  Eine Weiterbildung mit der Zusatzbezeichnung Gender-Medizin, wie sie an der Österreichischen Ärztekammer erworben werden kann (Diplom Gender-Medicine), scheint hier noch in weiter Ferne. Inwieweit vermehrt prüfungsrelevante Fragen in die IMPP-Generierung integriert werden, bleibt abzuwarten. Ein prüfungsrelevantes Modul in den Curricula der medizinischen Studiengänge ist aktuell wohl nicht in Sicht. Hier können Studierende auf den Modellstudiengang der Charité zurückgreifen oder auf die Vorlesungen bzw. Seminare ihrer Fakultäten, die angeboten werden oder vielleicht auch nicht. In einem kürzlich geführten Gespräch mit einem Medizinstudierenden stellte sich heraus, dass ihm der Begriff Gender-Medizin fremd war. Das sollte eigentlich nicht passieren; denn der Bedarf an diesem Wissen ist im medizinischen Ver-sorgungsalltag durchaus vorhanden.

 

 

Warum dauert das so lang? Erste Erkenntnisse zu Geschlechterunterschieden beim Herzinfarkt gibt es seit den 1980 er Jahren – 2016 schließlich finden sie Eingang in die Nationale Versorgungs-Leitlinie Chronische KHK. Zugegeben, andere Fachgesellschaften sind schneller. Welchen Hebel könnte es seitens der Politik also geben, um hier das Tempo zu beschleunigen? Ich traue es mich schon fast nicht mehr zu sagen... Eine Top-down Lösung wird kaum zu vermeiden sein; denn aktuell wird das Thema überwiegend von Ärztinnen voran gebracht, die aber nur selten in den Entscheidungsgremien der Selbstverwaltung zu finden sind – ebenso wenig wie ihre hierzu forschenden männlichen Kollegen. Eine gesetzlich verbindliche geschlechterparitätische Besetzung wäre z.B. so ein Hebel, der für eine rasche Veränderung der Verhältnisse sorgen könnte.